Permanentes Provisorium


1. Januar 2014

Der computerisierte Pizza-Unfall

Category: Alltägliches,Nerdiges – Autor: marius – 19:38

Heute ist Neujahr, und bereits gestern Abend habe ich angekündigt: Die einzige Person, der ich heute die Tür öffne, wird der Pizzabote sein. Ansonsten bleibe ich auf der Couch.

Meinen ersten Vorsatz für das neue Jahre habe ich damit direkt schon umgesetzt – doch auch so etwas Alltägliches kann schief gehen.

Etwa eine halbe Stunde nach der Bestellung klingelte das Telefon: Der Pizzabote war dran und wollte wissen, warum ich nicht zu Hause sei. Ich versicherte ihm, dass ich zu Hause bin und nach einigem hin und her fragte er, ob er die richtige Adresse habe. Dabei stellte sich dann der Irrtum heraus: Ich bin vor kurzem umgezogen und er hatte noch die alte Adresse auf seinem Lieferschein stehen. So etwas kann natürlich passieren, und einige Minuten später hatte ich dann auch meine Pizza.

Interessant war aber der Grund für diesen Fehler: Ich hatte die Pizza über die Webseite des Lieferdienstes bestellt und dort meine Telefonnummer angegeben. Natürlich habe ich dabei die neue und damit korrekte Adresse angegeben. Dies stand auch in der Bestätigungs-Mail. In der internen Datenbank der Lieferdienstes war aber noch meine alte Adresse gespeichert – und dieser Eintrag war mit meiner Telefonnummer verbunden. Das System hat also die Adresse, die ich eingegeben habe, gar nicht beachtet, sondern nur nach der Telefonnummer geschaut den Pizzaboten dann an die alte Adresse geschickt. Ich konnte das aber natürlich nicht wissen, denn in der E-Mail stand eben die korrekte Adresse.

Auch dies ist noch nicht wirklich schlimm. Ein harmloser Computer-Fehler, wie er tagtäglich passieren kann. Gruselig wird es allerdings, wenn ich mir vorstelle, dass so etwas nicht nur beim Pizza-Bringdienst passieren könnte, sondern vielleicht auch deutlich unangenehmere Leute aus den falschen Gründen vor meiner Tür stehen könnten. Es ist leider nicht so, als ob so etwas nicht schon vorgekommen wäre

 

27. Februar 2013

Computerspiele im Nostalgietest

Category: Nerdiges – Autor: marius – 21:40

2012-12-27 15.47.11


Im vergangenen Urlaub in Kalifornien hatte ich die Gelegenheit zu einem nostalgischen Ausflug: In einer Spielhalle in Santa Cruz gibt es eine erlesene Sammlung von alten Videospiel-Automaten-Klassikern, und praktischerweise war ich in nerdiger Begleitung unterwegs – also ran an die Automaten!

Es gab dort wirklich alles, was man so an Videospiel-Klassikern aus den frühen 80ern kennt: Pac Man, Donkey Kong, Tetris, Space Invaders, Phoenix, Q-Bert und vieles mehr. Natürlich gab es dort auch moderne Videospielautomaten, aber die waren erst einmal egal.

Dazu muss man wissen, dass ich durch diese Spiele meine erste Berührung mit Computertechnik hatte. Ich war vielleicht 6 oder 7 Jahre alt, da fand man mich regelmäßig bei den Nachbarn, wo ich deren Atari 2600 malträtierte. Auch mein älterer Cousin hat mich früh in die Faszination von Computerspielen eingeführt, und nicht viel später hatte ich dann auch meinen ersten Commodore-Computer zu Hause. Man mag das als reine Spielerei abtun, und das war es sicher auch, aber die Spiele haben für mich rückblickend schon eine wichtige Bedeutung gehabt: Sie haben mir früh die Scheu vor der digitalen Technik genommen und meine Begeisterung geweckt, sie brachten mich mit ähnlich interessierten Freunden zusammen und auch meine technischen Fähigkeiten wurden so schon früh geschult – man musste sich bei technischen Probleme ja irgendwie selber zu Helfen wissen.

Es ist faszinierend, diese alten Spiele heute noch einmal zu spielen. Ich erinnerte mich an meine frühe Faszination als Kind und Jugendlicher, dachte an meine ersten Erfahrungen zurück und genoss natürlich auch einfach das Spielerlebnis. Die alten Spiele haben dabei einen ganz besonderen Charme, denn das Spielprinzip ist häufig sehr, sehr simpel. Meistens geht es darum, irgendeinem Pixelhaufen auszuweichen und gleichzeitig auf irgendeinen anderen Pixelhaufen loszurennen oder zu schießen. Ich war sofort wieder drin.

Eine andere Erkenntnis brauchte dagegen etwa eine halbe Stunde Spielzeit, bis sie bei mir ankam: Diese alten Spiele sind eigentlich schon zu simpel. Es gibt meistens nur ein Spielprinzip, und die Spiele werden einfach immer schneller und schwerer bis irgendwann das unvermeidliche „Game Over“ auf dem Bildschirm erscheint. Das macht eine Weile lang Spass, aber wird irgendwie doch schnell langweilig. Warum hat mich das früher eigentlich stunden- und tagelang gefesselt, wo es mir heute schon nach einer halben Stunde auffällt?

An diesem Punkt begann ich, den Rest der Spielhalle zu erkunden. Die Ecke mit den Videospiel-Klassikern belegte vielleicht 10% der gesamten Fläche, und es gab noch viel, viel mehr zu entdecken: Rennsimulationen mit echten Motorrädern, die sich durch Gewichtsverlagerung steuern ließen. Virtual Reality-Spiele, die mit einem speziellen Helm gespielt wurden. Musik- und Kampfsportspiele, Filmadaptionen und Geldspielautomaten und noch vieles mehr. Alle davon hatten deutlich beeindruckendere Grafik, einige hatten sogar so etwas wie Handlung und manche Spiele waren auch nur durch ihre ungewöhnlichen Eingabegeräte interessant. Nicht alles davon war toll, aber vieles davon machte wirklich Spass – und fesselte mich deutlich länger als die Klassiker.

Ich dachte dabei darüber nach, was ich denn in den letzten Jahrzehnten so alles an Computerspielen mitbekommen hatte. In den 90ern faszinierten mich die klassischen Adventure-Games (Maniac Mansion, Monkey Island), die ersten Ego-Shooter (Doom, Quake), vereinzelte Rollenspiele (Dragonlance) und natürlich diverse Simulationen, Puzzlespiele und Jump&Run-Games. In den letzten Jahren habe ich Action-Adventures für mich entdeckt, die teilweise mit kinoreifen Stories glänzen (z.B. Mass Effect, Assassin’s Creed, Red Dead Redemption). Computerspiele sind weit gekommen, seit ich mich das erste Mal mit ihnen beschäftigt habe.

Und irgendwo hier hörte dann tatsächlich meine anfängliche Nostalgie auf.

Es war schön, noch einmal all die alten Spiele gespielt zu haben. Sie waren irgendwann mal wichtig für mich und ich denke gerne an sie zurück. Aber würde ich die heutigen Spiele gegen die von vor 20 Jahren eintauschen? Oder auch nur gegen die von vor 5 oder 10 Jahren? Definitiv nicht.

videospiele

 

2. November 2012

Facebook und die Aufmerksamkeits-Ökonomie

Category: Geschäftliches,Kulturelles,Nerdiges – Autor: marius – 18:44

Aktuell regen sich mal wieder viele Leute über Facebook auf. Stein des Anstoßes ist dieses Mal nicht das Thema Datenschutz, sondern die von Facebook immer stärker forcierte Möglichkeit, einzelne Beiträge gegen Bezahlung hervorzuheben und ihnen eine größere Sichtbarkeit zu verschaffen. Das betrifft sowohl Seitenbetreiber als auch Privatpersonen.

Das wird von vielen als ärgerliche Abzocke empfunden, und auch die von mir sehr geschätzten Blogrebellen haben ihrem Ärger kürzlich in einem längeren Beitrag Luft gemacht – dort gibt es auch einen kleinen Kommentar von mir zu dem Thema.

Ich finde die Aufregung um dieses Thema nur teilweise berechtigt, aber leider werden die Details der Problematik nur selten genannt.

Zum einen muss man natürlich feststellen, dass Facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das den Großteil seiner Services allen Nutzern kostenfrei zur Verfügung stellt – und daher natürlich mit anderen Services Geld verdienen muss. Das ist natürlich ein Argument, aber selbst, wenn man das einsieht, so führt das immer noch nicht unbedingt zu Sympathie für Facebooks Ansatz.

Werbung ist nicht das Problem

Wie ich zuvor schon mal geschrieben habe stört mich Werbung im Grunde nicht sonderlich – und auch wenn mir dazu keine repräsentativen Zahlen vorliegen, so vermute ich doch stark, dass die meisten Menschen sich mit relevanter, nicht zu aufdringlicher Werbung gut arrangieren können. Es ist also kein grundsätzliches Problem, dass Facebook Werbung zulässt.

Mein Eindruck ist, dass sich viele aber deswegen betrogen fühlen, weil sie plötzlich für etwas bezahlen müssen, was sie vorher – zumindest gefühlt – umsonst bekommen haben: Die Aufmerksamkeit ihrer Freunde und Fans. Und genau hier liegt zugleich ein großes Missverständnis bei den Nutzern wie auch eine Herausforderung, die Facebook lösen muss.

Aufmerksamkeit kann man sich verdienen – oder kaufen

Im Internet kann grundsätzlich jeder mit vergleichsweise geringem Aufwand und geringen Kosten etwas veröffentlichen. Das gleiche gilt auch für Facebook und ebenfalls für viele weitere Plattformen. Sich einen persönlichen Account bei Facebook einzurichten oder eine Facebook-Seite aufzusetzen dauert erst einmal nur ein paar Minuten.

Das hat zur Folge, dass immer mehr Leute eben genau das auch tun. Die Möglichkeit, etwas zu veröffentlichen ist damit – im Gegensatz zu klassischen Medien – so günstig geworden, dass man nicht mehr groß darüber nachdenken muss, ob man etwas veröffentlicht oder nicht. Man tut es einfach.

Genau das führt aber zu einer großen Menge an Inhalten, die kein Mensch mehr wirklich überblicken kann. Deswegen setzt Facebook ein Verfahren namens Edgerank ein, das bestimmt, welche Beiträge man sieht und welche nicht. Ganz grob gesagt zeigt Facebook einem besonders Inhalte von den Seiten und Personen an, deren Beiträge häufig geliked oder kommentiert wurden. Facebook sieht liken und kommentieren als Indikator für Relevanz an – man bestimmt also indirekt selber, wovon man mehr sehen möchte und wovon weniger.

Darüber hinaus können Seitenbetreiber oder Personen eben auch durch Bezahlung dafür sorgen, dass ihre Beiträge oder Seiten gesehen werden. Man kann sich Aufmerksamkeit also entweder durch besonders beliebte Inhalte verdienen, oder eben bezahlen.

Dass man sich Aufmerksamkeit verdienen muss ist leider auch im Jahre 2012 für viele immer noch eine neue Erkenntnis. Ich höre immer wieder von Leuten, die gerade ihre erste Webseite gelauncht haben, dass sie ganz verwundert sind, weil sich niemand ihre schöne, neue Seite ansieht. Dass es nicht reicht, etwas zu veröffentlichen, sondern dass man sich schon auch aktiv darum kümmern muss, gesehen zu werden, ist vielen noch neu.

Ohne Filter geht es nicht

Facebook bot da lange Zeit eine Lösung, mit der man dies scheinbar umgehen konnte. Solange nur wenige wussten, wie man eine Facebook-Seite erstellt, und solange die meisten Leute auch nur Verbindungen zu ein paar dutzend Freunden und Seiten hatten war dies auch tatsächlich so. Mittlerweile haben viele Nutzer aber hunderte von Facebook-Freunden und dazu noch eine ähnlich große Zahl an Seiten, die sie verfolgen.

Würde Facebook die Beiträge all dieser Freunde und Seiten einfach ungefiltert zeigen, so würde sich kein Nutzer mehr dort zurechtfinden. Irgendeine Art von Filter muss es also geben – und Facebook hat sich eben für eine Mischung aus Relevanzkriterien und Anzeigen entschieden.

Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource

Das ist keine neue Idee. Suchmaschinen wie Google arbeiten mit einer ähnlichen Kombination – und das höchst erfolgreich. Dies verdeutlicht aber, dass die wahre Herausforderung, die diese Plattformen lösen müssen, die Verteilung des knapper werdenden Gutes „Aufmerksamkeit“ ist.

Jeder Mensch kann seine Aufmerksamkeit nur begrenzt vielen Themen widmen. Technische Systeme wie Facebook oder Google helfen uns, unsere Aufmerksamkeit effizienter einzusetzen, und auch ein Großteil der klassischen Journalismus-Arbeit besteht darin, das Relevante vom Irrelevanten zu trennen.

Der Kampf um Aufmerksamkeit ist der wahre Verteilungskampf, der sich hier abspielt. Ich kann 2 Minuten meiner Zeit ENTWEDER einem interessanten Blog-Artikel  widmen ODER mich über ein neues Produkt informieren – nicht aber beides gleichzeitig. Beides kann irgendwie wichtig für mich sein – oder eben auch nicht.

Dieses Grundproblem wurde bereits vor mehreren Jahren als Aufmerksamkeitsökonomie („Attention Economy“) identifiziert. Wer dazu mehr wissen möchte, der findet bei ReadWriteWeb einen guten Artikel zu dem Thema.

Dieses Problem kann jede erfolgreiche Plattform nur lösen, indem sie auf die eine oder andere Weise Informationen filtert. Das kann man je nach Standpunkt als Zensur oder als nützliches Feature sehen – ganz ohne Filter geht es aber kaum. Auch die zahlreichen Umwege, mit denen die „Fans“ einer Seite wieder alle Beiträge der Seite sehen können, helfen aus diesem Grund nur begrenzt weiter.

Facebook muss eine Lösung finden – sonst tut es jemand anders

Deswegen ist es nicht ganz fair, Facebook allein die Schuld in die Schuhe zu schieben. Facebook muss natürlich Geld verdienen, und als erfolgreiche Plattform ist auch eine Filterung unumgänglich. Dennoch möchte ich Facebook nicht komplett in Schutz nehmen, denn sie haben sehr wohl die Aufgabe, ihre Filter so zu gestalten, dass sie die Interessen ihrer Nutzer auch tatsächlich treffen und dabei auch noch möglichst transparent und verständlich sind.

Manuelle Filtereinstellungen klingen in der Theorie zwar super, dürften aber 90% der Nutzer überfordern. Likes und Kommentare können befördern, dass man mehr von dem sieht, was man geliked oder kommentiert hat – aber sie sind eben (mehr oder weniger) öffentlich, und nicht jeder möchte (verständlicherweise) in aller Öffentlichkeit zu dem stehen, was ihn so interessiert. Vielleicht fehlt also nur eine Kleinigkeit: Sowas wie ein „Mehr davon!“-Button, der zwar die eigenen Filter anpasst, aber dies nicht gleich für alle sichtbar macht.

Vielleicht finden es in ein paar Jahren aber auch alle ganz normal, dass man sich Aufmerksamkeit eben kaufen muss – schließlich war das in den „alten“ Medien ja auch so. Ich hoffe jedoch, dass Facebook einen besseren Weg findet – ansonsten wird dies früher oder später eben jemand anderes tun.

Bild: Dave Duarte // CC-by-sa

7. September 2012

Warum es „das Internet“ nicht gibt

Category: Kulturelles,Nerdiges – Autor: marius – 14:09

Gerade rollt mal wieder eine öffentliche Debatte darüber, ob das Internet dumm macht. Mich wundert es ein wenig, wie man ernsthaft darüber diskutieren kann, aber auch in meinem direkten Umfeld höre ich solche Thesen immer wieder – auch von Leuten, die es eigentlich besser wissen müssten.

Generell finde ich diese Kritik etwas seltsam, wenn man sich mal vor Augen führt, dass in Deutschland der Durchschnittsbürger mehr als 4 Stunden Fernsehen am Tag schaut (ich frage mich immer noch, wie die Leute das überhaupt schaffen), während im Schnitt gerade mal 83 Minuten täglich auf Internet-Nutzung entfallen. Aber auch beim Fernsehen wird selbst der größte TV-Kritiker eingestehen, dass es hin und wieder gute, intelligent gemachte Sendungen, die einen sicher nicht dümmer machen. Es hängt halt davon ab, was man damit macht.

Beim Internet ist aber so gut wie jede grundsätzliche Kritik vollkommen sinnlos. Das Internet ist nicht einfach so etwas wie der digitale Nachfolger von analogen Medien, sondern etwas komplett anderes.

Wenn ich per Skype mit einem Freund spreche, dann nutze ich unbestreitbar das Internet. Werde ich davon dümmer? Kommt vermutlich stark darauf an, was dabei gesprochen wird. Mir wäre aber keine Studie bekannt, die zeigt, dass Telefonieren dumm macht – und das tun Millionen von Menschen jeden Tag.

Macht es mich dümmer, wenn ich einen Wikipedia-Artikel lese? Oder wenn ich einen Blog-Beitrag schreibe? Wie ist das beim gemeinsamen Editieren eines Fachartikels über Google Docs? Beim Anhören eines Musikstücks über Spotify? Oder beim Betrachten eines Spielfilms über Lovefilm?

Das alles sind völlig unterschiedliche Tätigkeiten – aber bei allen nutze ich in irgendeiner Form das Internet. Jede einzelne dieser Tätigkeiten löst höchstwahrscheinlich irgend etwas in meinem Gehirn aus – aber dasselbe gilt auch für Spazieren gehen, Bier trinken, Auto fahren, Zeitung lesen, mit Freunden sprechen oder Papierflieger basteln. Generelle Studien über die Auswirkungen von übermäßigem Papierfliegerbasteln dürfte es jedoch kaum geben.

(Fast) jede Generalisierung über das Internet muss also falsch sein.

Hinter diesen gerne gemachten Generalisierungen steckt immer irgendeine Annahme darüber, was das Internet denn eigentlich ist. Im Kern ist es dabei einfach nur eine Menge von vernetzten Rechnern, die auf eine bestimmte Art und Weise miteinander kommunizieren. Das Internet ist einfach nur eine Kommunikations-Infrastruktur – nicht mehr und nicht weniger.

Wer nun behauptet, das Internet mache dumm, schlau, aggressiv, friedlich oder kreativ, der kann eigentlich nur bestimmte Arten der Nutzung damit meinen – und die reichen nunmal von ziemlich komplexen geistigen Tätigkeiten bis hin zu eher banalen Dingen. Diese alle über einen Kamm zu scheren kann nur zu falschen Schlussfolgerungen führen. Das Internet als homogenes, klar definierbares Element unserer Kultur existiert schlicht und einfach nicht.

Meine Vermutung ist, dass der Versuch, allgemein gültige Aussagen über das Internet zu treffen, nicht so sehr aus dem Wunsch wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn getrieben ist. Hier dürfte eher eine Mischung aus diffuser Zukunftsangst, Unverständnis gegenüber Teilen der Netzkultur und allgemeiner Verklärung der Vergangenheit am Werk sein. Dafür habe ich durchaus Verständnis – aber richtiger werden Behauptungen über „das Internet“ dadurch eben leider nicht.

Bild: hdzimmermann // CC-by-nc-sa

5. Februar 2012

Verteilte Freundschaft

Category: Alltägliches,Nerdiges – Autor: marius – 21:49

Es ist erstaunlich, wie schnell man sich aus den Augen verliert. Das wurde mir kürzlich bewusst, als ich einen alten Freund nach längerer Zeit wieder einmal traf – und feststellen musste, dass bei ihm in letzter Zeit sehr viel passiert ist, das ich nicht einmal annähernd mitbekommen habe.

Mein Freundeskreis ist – wie bei vielen anderen auch – ziemlich verstreut. Um jemanden zu sehen, mit dem ich gerne mal einen Abend verbringe, muss ich mindestens 30 Minuten (einmal durch die halbe Stadt) bis maximal 14 Stunden (einmal um die halbe Welt) einplanen. Das ist einerseits schön, denn so hat man immer mal wieder einen Grund, eine Reise zu unternehmen und jemanden zu besuchen.

Andererseits ist es schade, wie wenig Zeit ich mit den Leuten verbringe, die ich wirklich mag. Das Paradoxe dabei: Eigentlich wäre es überhaupt kein Problem, auch über weite Entfernungen eine Freundschaft zu pflegen. Es gibt Telefon, SMS, E-Mail, Facebook, Twitter, Skype, ICQ undundund. An Kommunikationswegen mangelt es nicht – und doch fehlt etwas.

Organische Freundschaft wächst von ganz allein.

Als ein Großteil meiner Freunde noch wenige Fußminuten entfernt wohnte, da ging ich manchmal einfach so vorbei. Man kochte spontan zusammen, schaute sich einen Film an, trank, lachte, spielte, sprach über Pläne und Probleme, spann Ideen und verwarf sie wieder – oder setzte die ein oder andere Idee sogar mal in die Tat um.

Dabei wuchs die Freundschaft ganz selbstverständlich. Man musste sie nicht pflegen, suchen oder herstellen. Sie entstand einfach so, als Nebenprodukt dieser ganzen Gemeinsamkeiten.

Wenn ich mich heute mit einem Freund treffe, den ich lange nicht gesehen habe, dann wird hauptsächlich geredet. Man erzählt sich, wie es im Job so läuft, was man mit dem Partner plant oder wofür man gerne mal wieder mehr Zeit hätte. Das ist auch schön, aber es ist etwas ganz anderes. Es ist bewusste Freundschaftspflege.

Was dabei fehlt ist die Leichtigkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der sich eine Freundschaft entwickelt, wenn man einfach so Zeit miteinander verbringt. Wenn man erst einmal 2 Stunden unterwegs ist, um jemanden zu treffen, dann schaut man anschließend nicht einfach zusammen eine DVD auf dem Sofa. Das würde sich wie Zeitverschwendung anfühlen. Also wird geredet, denn man hat sich ja lange nicht mehr gesehen.

Virtuelles Zusammensitzen

Was wirklich fehlt wurde mir erst nach und nach klar. Das, was eine Freundschaft (zumindest für mich) ausmacht ist nicht nur das Reden, sondern das gemeinsame Erleben. Für die Kommunikation haben wir mittlerweile viele ganz tolle digitale Tools – für das gemeinsame Erleben aber noch nicht.

Dabei wäre das technisch gesehen durchaus machbar. Vor einer Weile erfuhr ich z.B. von dem Projekt Storyvisit. Das ist gedacht für Kinder, deren Eltern oder Großeltern weit entfernt leben und die darüber gemeinsam ein Buch lesen können. Der Sinn dahinter wurde mir so erklärt: Natürlich können auch entfernt lebende Verwandte mit den Kindern telefonieren. Kinder können aber erst ab einem bestimmten Alter ein „normales“ Gespräch am Telefon führen, also z.B. von sich aus etwas erzählen oder Fragen stellen. Deswegen hat man die Möglichkeit geschaffen, dass beide – Kind und Erwachsener – zusammen ein Buch lesen können und darüber ein gemeinsames Erlebnis haben.

Natürlich bin ich erwachsen. Ich kann nicht nur ein Telefon bedienen, sondern auch sinnvolle Dinge in den Hörer reden. Und natürlich gäbe es, wenn ich danach suche, ganz viele Dinge, die ich mit anderen zusammen auch über größere Entfernungen tun könnte. Solche Dinge sind nur leider häufig kompliziert, nerdig oder funktionieren nur auf bestimmten Computern.

Das nächste große Ding: Digitale Gesellschaftsspiele oder der Online-Verein.

Was fehlt wäre eine (oder mehrere) soziale Aktivitäten, die genau so einfach, zwanglos und unkompliziert sind wie ein Brettspiel oder mit ein paar Leuten zu kochen.

Genau an dieser Stelle versagen die aktuell hochgelobten Social Media-Tools nämlich noch fast völlig. Natürlich kann ich auf Facebook mit meinen Freunden virtuelles Gemüse anpflanzen – aber ich muss schon recht viel Zeit da hinein stecken, damit sich das lohnt. Davon abgesehen ist virtuelles Gemüse sicherlich nicht jedermanns Sache.

Theoretisch gäbe es viel, was man gemeinsam machen könnte ohne am selben Ort zu sein: Statt einem gemeinsamen Stadtbummel könnte man sich z.B. in einem Online-Shop ein Outfit zusammenstellen. Man könnte gemeinsam die Playlist für die nächste Party zusammenstellen. Und wer sich etwas mehr zutraut, der könnte ein Buch schreiben, Musik komponieren, Software programmieren und noch viel mehr – und ich bin mir sogar sicher, dass viele Leute das schon tun.

Worauf ich aber hinaus will: Es gibt noch keine einfache, unkomplizierte, unnerdige Möglichkeit, so etwas zu tun.

Es gibt auf der ganzen Welt Millionen von Leuten, die weit weg von den Leuten wohnen, die ihnen wichtig sind. Genau aus diesem Grund ist Telekommunikation ein Milliarden-Geschäft. Wenn es jemand schafft, nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Erleben über weitere Entfernungen zu vermitteln, dann wäre das nicht nur eine großartige Idee, die vielen Menschen helfen würde – sondern auch ein ganz großes Geschäft.

Vielleicht schrauben die ersten aber schon längst daran: Während ich über diesen Artikel nachdachte las ich über ein neues Kollaborations-Tool namens „Wunderkit„, das anscheinend Elemente aus Social Networks übernimmt. Genau dieser Aspekt wurde andernorts mit Verwunderung aufgenommen – ich könnte mir aber vorstellen, dass das genau die richtige Idee ist.

 Foto:  petr cervinka // CC-by-nc-nd

4. November 2011

Bauchgefühl 2.0

Category: Alltägliches,Nerdiges – Autor: marius – 16:24

Ich habe heute wegen eines Basic Thinking-Artikels über einen neuen Bewertungs-Dienst namens Oink darüber nachgedacht, was diese ganze Bewerterei eigentlich für den Alltag bedeutet.

Mittlerweile kann man im Internet so ziemlich alles bewerten: Produkte, Arbeitgeber, Hotels, Ärzte und noch viel mehr.

Ich nutze solche Bewertungen recht gerne, gerade wenn ich mich erst einmal orientieren will.

Ehrlicherweise muss ich jedoch zugeben: Wirklich objektiv sind solche Bewertungen nicht.

Nutzerbewertungen sind umstritten

Es gibt viele Gründe, warum Nutzerbewertungen eher so etwas wie „Bauchgefühl 2.0“ sind als wirklich objektive Ratgeber. Die wichtigsten:

  • Gefälschte Bewertungen: Wenn ein Autor einfach mal ein paar gute Freunde und seine Familie sein Buch bewerten lässt, dann sieht man das als Außenstehender nicht unbedingt – aber objektiv ist das sicher nicht.
  • Verzerrte Beteiligung: Die meisten Leute bewerten Dinge, die sie richtig toll oder total schlecht finden – wenn etwas ganz ok war, dann bewerten viele nicht. Außerdem bewerten manche Leute mehr als andere. Eine repräsentative Bewertung sieht anders aus.
  • Mangelndes Urteilsvermögen: Manche Leute bewerten etwas, das sie gar nicht korrekt bewerten können. Wer kann als Laie schon beurteilen, ob ein Arzt wirklich schlecht behandelt hat – oder vielleicht doch nur unfreundlich war? Auch bei weit weniger komplizierten Dingen kann man sich irren: An dieser Amazon-Bewertung zu einem simplen Adapter sieht man beispielsweise, dass der Kritiker schlicht das völlig falsche Teil bestellt hat – und deswegen schlecht bewertet.

Sind Nutzerbewertungen damit völlig unbrauchbar? Ich würde da nicht zustimmen – denn wenn ich überlege, wie ich ohne Bewertungen Entscheidungen treffen würde, dann ist das nicht unbedingt besser.

Bauchgefühl und Mund-zu-Mund-Propaganda 

Wie würde ich beispielsweise einen neuen Hausarzt finden, wenn ich in eine neue Stadt ziehe – ohne Bewertungen zu nutzen? Vielleicht würde ich mir die gelben Seiten vornehmen und mir einen Arzt in der Nähe aussuchen. Vielleicht würde ich meinen Nachbarn fragen oder einen Arbeitskollegen. Vielleicht würde auch einfach durch die Gegend laufen und nach Arztschildern auf Häusern Ausschau halten.

Natürlich geht das – aber viel genauer ist das auch nicht. Zwar kann ich bei einem Nachbarn oder einem Arbeitskollegen davon ausgehen, dass sie mich nicht bewusst täuschen werden. Wirklich mehr Ahnung als der durchschnittliche Internetnutzer werden sie aber auch nicht haben.

Und auf wen sollte ich überhaupt hören? Die 70jährige, die mehr Zeit bei ihrem Hausarzt als mit ihren Enkeln verbringt? Oder auf den kerngesunden, sportlichen 35jährigen, der nur alle 2 Jahre mal wegen einer leichten Grippe zum Arzt geht?

Lieber Bauchgefühl 2.0 als Keine Ahnung 1.0

Natürlich muss man wissen, dass Bewertungen nicht immer 100% zutreffend sind. Natürlich sollte man misstrauisch sein, wenn eine Bewertung überschwänglich und komplett unkritisch positiv ist.

Dennoch sind mir Bewertungen deutlich lieber als nur die nackten Informationen. Auch subjektive Eindrücke helfen mir, bessere Entscheidungen zu treffen – auch wenn sie ihre Tücken haben.

Bewertet alles!

Ich würde sogar noch weiter gehen: Genau wie eBay, Amazon & Co ganz selbstverständlich und automatisch dazu auffordern, nach einem Kauf das Produkt zu bewerten, könnte das mein Hausarzt, mein Lieblingsrestaurant oder meine Lieblingsbar das doch auch tun. Ein kleines Schild auf der Theke oder ein freundlicher Hinweis des Personals kann schon reichen. Die Infrastruktur dafür ist da.

Eine interessante Frage ist dabei, warum das nicht schon längst viel mehr getan wird. Wissen kleine Unternehmen einfach zu wenig über die Möglichkeiten des Internet? Haben sie zu viel Angst vor negativen Bewertungen? Oder sind Bewertungen aus ihrer Sicht irrelevant?

Ganz sicher ist das auch eine Frage des Geschäftsmodells. Habe ich ein Restaurant in guter Lage mit viel Laufkundschaft, dann sind Bewertungen vermutlich irrelevant. Habe ich aber einen kleinen, feinen, versteckten Spezialitätenladen, dann können Bewertungen ein wertvoller Teil des eigenen Marketings sein.

Das klingt eigentlich nach einer Win-Win-Situation: Ich als Nutzer bekomme mehr und bessere Empfehlungen, und gute Produkte und Dienstleistungen werden bekannter und attraktiver. Warum also nicht mal dem freundlichen Kellner, dem guten Essen oder dem schönen Hotel ein paar Sterne geben?

Bildquelle: Abriz44 // CC-by-sa
11. September 2011

Geheimnisreduzierung

Category: Alltägliches,Nerdiges – Autor: marius – 11:01

Ich nutze nun schon seit vielen Jahren verschiedene Online-Dienste, Social Networks und bin Teil diverser Communities. Dabei habe ich – ohne groß darüber nachzudenken – immer wieder Informationen geteilt. Dabei ging es sowohl um fachliche als auch persönliche Informationen zu verschiedensten Themen.

Ich glaube, mir war dabei unterbewusst schon länger klar, dass das Teilen von Informationen für mich mehr Vorteile hat als die Geheimhaltung.

Wer Informationen teilt, der kann damit Teil einer Gemeinschaft werden. Man erwirbt sich damit Vertrauen in dieser Gemeinschaft, schafft sich Freunde und Verbündete und mit etwas Glück bekommt man im Gegenzug auch andere Informationen, die für einen selber nützlich sein können.

Nicht immer kann ich vorher wissen, welches geteilte Information für welchen Nutzen sorgt. Ich habe aber schon viele Fälle erlebt, wo der Nutzen im Nachhinein ganz klar da war. So führte das Teilen meines aktuellen Aufenthaltsortes auf Facebook schon öfter zu spontanen Treffen mit alten Freunden, die ich länger nicht gesehen habe. Das Teilen von aktuellen Musik-Tipps schaffte Gemeinsamkeiten mit Leuten, mit denen ich vorher nur oberflächlich gesprochen hatte. Und das Teilen der Unzufriedenheit über meinen früheren Frisör führte dazu, dass ich ziemlich schnell eine Empfehlung für einen neuen hatte, mit dem ich bis heute zufrieden bin – und den ich alleine wahrscheinlich nie gefunden hätte.

Auch Firmen profitieren, wenn sie teilen.

Was ich hier auf persönlicher Ebene bemerke scheint z.T. auch für Firmen zu funktionieren. Beispielsweise teilt Frictional Games (eine Spielefirma aus Schweden) regelmäßig Informationen über Verkaufszahlen und den aktuellen Zustand der Firma. Geschadet hat es ihnen nicht, im Gegenteil: Der Firma geht es mittlerweile ziemlich gut. Doch selbst in schwierigen Zeiten hat sich diese Offenheit ausgezahlt und Frictional Games viele treue Unterstützer gebracht.

Ein weiteres schönes Beispiel ist die firma 37Signals, die recht erfolgreich Unternehmens-Software herstellt. Auf deren Blog teilen sie erstaunlich detailliert Informationen über ihre Arbeitsweise und beziehen auch Position zu geschäftlichen Themen. Dies hat durchaus Methode: In dem Buch re:work, das zwei der Gründer geschrieben haben, empfehlen sie ausdrücklich, das eigene Fachwissen als Marketing-Instrument zu verwenden. Denn wer wertvolles Wissen teilt, dem hört man eher zu – und kauft auch lieber von ihm.

Manche Dinge sollten dann doch geheim bleiben…

Natürlich gibt es auch gute Gründe, Geheimnisse zu haben. Über neue Erfindungen sollte man als Firma besser erst dann reden, wenn die dazugehörigen Rechte in trockenen Tüchern sind. Und als Privatperson sollte man sicher auch nicht jedes Partyabenteuer in der Öffentlichkeit breit treten.

Die Frage ist eher, was denn die Grundeinstellung sein sollte. Wie entscheide ich mich im Zweifelsfall?

Wie so oft ist die Antwort hier: Die Mischung macht’s.

Grundsätzlich teile ich persönliche und fachliche Informationen freigiebig und gerne.

Wenn ich etwas nicht teile, dann hat das meistens einen der folgenden Gründe:

  • Irrelevanz:
    Vieles, was ich am Tag so tue, ist einfach so uninteressant, dass es niemand wissen muss. Interessiert es wirklich jemanden, welche Dose Mais ich letztens im Supermarkt gekauft habe? Eben.
  • Spezialisierung:
    Manche Themen interessieren mich deutlich tiefer als den durchschnittlich interessierten Mitmenschen. Wenn ich beispielsweise über Musik rede, dann können das viele nicht mehr nachvollziehen. Deswegen habe ich genau dafür ein Zweitblog, wo ich darüber schreiben kann.
  • Verpflichtung:
    Manchen Leuten verspreche ich, dass ich bestimmte Dinge nicht teile. Im beruflichen Kontext bin ich dazu sogar vertraglich verpflichtet. Natürlich halte ich mich daran.
  • Peinlichkeit:
    Jeder Mensch tut manchmal dumme Sachen – ich natürlich auch. Manches davon ist vielleicht noch lustig genug, dass ich es mal in geselliger Runde bei einem Bierchen teile. Manches behalte ich aber dann doch lieber für mich.
  • Intimität:
    Nein, ihr werdet nie erfahren, was ich mit X, Y und Z  angestellt habe. 😉
Und jetzt interessiert mich natürlich, wie ihr das so handhabt. Erzählt ihr eher alles oder nichts? Und warum?

Bild: Alexkess // CC-by-nc-nd

24. Juli 2011

Technisches Abwarten

Category: Kulturelles,Nerdiges – Autor: marius – 18:25

„Damit warte ich noch bis es ausgereift ist.“

Solche und ähnliche Sätze höre ich bei neuen technischen Produkten ziemlich häufig. Es erscheint vielen eine logische Haltung zu sein, nicht unter den ersten Nutzern zu sein und erst die „Kinderkrankheiten“ abzuwarten.

Dafür findet man häufig sogar ganz gute Rechtfertigungen, wie man am Beispiel des letzte Woche erschienenen Mac OS X Lion sehen kann. In diesem Fall habe ich mich den gängigen Empfehlungen widersetzt, habe früh geupdatet und natürlich auch gemischte Erfahrungen gemacht. Einige Dinge klappen gut, andere noch nicht. Insgesamt kann ich damit aber gut leben.

Interessant wird es allerdings, wenn man die abwartende Haltung mal etwas weiter denkt:

In  der Verallgemeinerung könnte man sagen, dass viele Produkte nie reifen würden, wenn alle nur abwarten. So gesehen tun die „Early Adopter“ allen späteren Nutzern einen Dienst damit, dass sie sich früh mit einem Produkt beschäftigen, die Fehler finden und später Tipps mit dem Umgang geben können. Die Early Adopter tun damit zwar irgendwie etwas gutes, aber aus Sicht des Abwartenden ist deren Haltung immer noch nicht sonderlich clever.

Nun kann man natürlich sagen, dass eben jeder das tun soll, worauf er Lust hat. Ich selber habe Spass an technischen Innovationen, andere eben nicht. Ich wundere mich nur, warum in einem Land, dessen Wohlstand in großen Teilen auf Technologie basiert, so häufig skeptische Haltungen gegenüber Neuem zu finden sind.

Ich will nicht groß darüber spekulieren, warum das so ist, aber ich vermute, dass nur eines dagegen hilft: Man darf nicht zu viel erklären oder argumentieren, sondern man muss einfach seinen Mitmenschen Lust auf Neues machen.

Sehr schön kann man dies z.B. an eBook-Readern sehen: Die meisten Leute, die nur davon gelesen oder gehört haben, halten eBook-Reader für ziemlich sinnloses Spielzeug. Man kann hier aber nahezu zusehen, wie sich der Sinneswandel vollzieht, wenn man einem Skeptiker mal ein solches Gerät in die Hand gibt und ihn ein paar Minuten damit spielen lässt.

Ich selber habe mir vor einigen Wochen einen Amazon Kindle gekauft und genau das mal mit einigen Bekannten ausprobiert. Wer einmal gesehen hat, wie das Display in Echt wirkt, wie leicht das Gerät ist und wie komfortabel die Bedienung, der ändert ziemlich schnell seine Meinung.

Ich sehe es zwar ganz sicher nicht als meine Mission an, mein komplettes Umfeld von den Segnungen technischer Innovation zu überzeugen – aber ein bisschen mehr Offenheit gegenüber Neuem täte manchem sicher gut.

Bild: pfv. // CC-by-nc

21. Juli 2011

Google+ und die drei Elefanten

Category: Nerdiges – Autor: marius – 21:21

In den letzten Wochen habe ich viele Gespräche über Google+ geführt. Kein Problem, ich rede ja gerne über Online-Trends, Gadgets und alles Neue aus Digitalien.

Ich muss allerdings sagen, dass mich das große Interesse an Google+ irgendwie verwundert. Dazu muss ich sagen, dass ich einiges daran durchaus gut finde.

Ja, ich habe ein Profil. Ja, ich schaue regelmäßig rein, und ja, ich teile dort auch einiges. Auch muss ich den positiven Kritiken größtenteils Recht geben: Google+ hat ein schön aufgeräumtes User Interface, macht mit den Circles gezieltes Teilen möglich und wirkt insgesamt gut durchdacht.

Es gibt aber einige Punkte, die immer noch fehlen – nicht nur bei Google+, sondern eigentlich bei so ziemlich allen Social Networks. Dabei rede ich nicht von irgendwelchen Features, sondern von grundlegenden Themen, denen das Wachstum von Social Networks noch eine ganze Weile Grenzen setzen wird.

Im Englischen gibt es die Redewendung vom „Elephant in the room„. Sie bezeichnet ein wichtiges Thema, das in einer Diskussion nicht angesprochen wird. Was Google+ und Social Networks angeht sehe ich mindestens drei Elefanten im Raum. Erst wenn diese Elefanten erkannt und angegangen werden kann der Erfolg so richtig kommen.

Elefant Nr. 1: Die Mehrheit ist noch nicht aktiv.

Recherchiert man einmal Nutzerzahlen zu Social Networks in Deutschland, dann findet man da aktuell ziemlich beeindruckende Werte. So sind angeblich 25% der Deutschen bei Facebook registriert – aber damit im Umkehrschluss eben auch auch 75% nicht.

Die Gründe sind dabei sicher höchst unterschiedlich. Rein subjektiv würde ich hier vermuten, dass Datenschutz-Ängste und mangelndes Interesse die Hauptgründe sein dürften.

Wenn man nun davon ausgeht, dass sich Google+ von der Zielgruppe hauptsächlich an dieselbe Zielgruppe wie Facebook und Twitter richtet, dann ist dies eben nur eine begrenzte Menge an Leuten – und die muss man erst einmal zum Wechseln bewegen. Eine Plattform, auf der man schon sein soziales Netz an Leuten hat, ist eben mehr wert als eines, das noch weitgehend leer ist. Das kann man sich z.B. mit dem Metcalfeschen Gesetz erklären, aber es dürfte auch so klar sein.

Das richtig große Potential liegt also bei den Leuten, die noch nicht aktiv sind und nicht so sehr bei denen, die eh schon ganz selbstverständlich Social Networks nutzen.

Elefant Nr. 2: Im Job wird nicht geteilt.

Viele Berufstätige sind zwar in ihrem Job gut vernetzt, bilden dieses Netzwerk aber bisher noch kaum online ab.

Zwar hat XING in Deutschland recht regen Zulauf, und der Nachrichtenstrom ist nach dem letzten Redesign auch stärker betont – aber sonderlich viel passiert dort immer noch nicht.

Ich habe den Eindruck, dass hauptsächlich die Leute XING aktiv nutzen, die von Berufs wegen kommunizieren müssen: Freiberufler auf Kundensuche, Vertriebler, Rekrutierer und Kommunikatoren liest man häufig – den ganz normalen Innendienst-Mitarbeiter dagegen kaum.

Das liegt nicht zwingend daran, dass dieser nichts zu sagen hat. Oft darf er es vermutlich schlicht nicht oder er hat Angst, der Konkurrenz versehentlich interne Informationen zu geben.

In jedem Fall werden Social Networks für berufliche Themen erst so richtig abheben, wenn man es schafft, hier auch die ganz normalen Angestellten einzubinden. Sonst bleibt ein sehr großer Bereich des Alltagslebens komplett außen vor – und damit auch ein großes Potential für die Social Networks.

Elefant Nr. 3: Social Networks bevorzugen Extravertierte.

Wer möglichst vielen Leuten möglichst viel mitteilen will, für den sind Social Networks toll. Nirgendwo sonst erreicht man mit so wenig Aufwand so viele Leute und bekommt so schnell Feedback („Gefällt mir!“).

Wer so etwas mag, der wird in der Regel extravertiert sein. Aber was ist mit den introvertierten?

Vermutlich wird man sie in den Social Networks hauptsächlich als stille Beobachter finden – was aber nicht heiß, dass sie gar keine sozialen Beziehungen haben, die sie online abbilden wollen würden.

Vermutlich ist vielen Introvertierten die plumpe Selbstdarstellung der anderen aber auch zuwider. Hier braucht es vermutlich eher Separees als noch größere Netzwerke – und auch die Möglichkeit, die Selbstdarsteller einmal auszusperren.

 Bild: Spin spin // CC-by-nd

3. Juli 2011

Materialismus für Fortgeschrittene

Category: Alltägliches,Nerdiges – Autor: marius – 21:59

Zeug

Wie bei den meisten Leuten hat sich auch bei mir über die Jahre eine Menge Zeug angesammelt. Das meiste davon wollte ich zu irgendeinem Zeitpunkt mal wirklich haben. Blöderweise heisst das nicht, dass ich es heute immer noch haben will.

Viel von dem, was hier so rumliegt, ist nämlich leider ziemlich nutzlos. Viele Bücher, die ich gelesen habe, fand ich zwar vielleicht mal spannend, werde sie aber mit großer Sicherheit nicht noch einmal lesen. Schuhe, die ich vor 5 Jahren mal toll fand, gammeln jetzt in irgendeiner Kiste im Keller herum. Und selbst meine geliebte Vinyl-Schallplattensammlung besteht zu einem großen Teil aus Staubfängern.

Natürlich gibt es auch ein paar Dinge, die mir durchaus etwas bedeuten. Ich bin sicher kein reines Geistwesen, das auf irdische Dinge keinen Wert legt. Ich will schon Zeug haben – nur halt etwas weniger. Leider ist das aus verschiedenen Gründen gar nicht so einfach.

Zeug bekommen ist eigentlich ganz einfach. Man klickt ein bisschen im Internet rum und ein paar Tage später klingelt der Postbote und bringt das Zeug, das man bestellt hat. Zeug loszuwerden ist dagegen schon schwieriger.

Richtig altes, kaputtes, nutzloses Zeug ist dabei noch nicht mal das Problem, das schmeisse ich mittlerweile ohne mit der Wimper zu zucken weg. Auch Sperrmüll kann man mittlerweile problemlos online anmelden.

Schwieriger sind da aber die Dinge, die im Prinzip schon noch einen Wert haben, ich sie aber beim besten Willen nicht mehr gebrauchen kann. Hier gibt es schon viele Möglichkeiten, die Sachen weg zu bekommen – wobei der innere Schweinehund meistens der größte Feind ist. Zeug loszuwerden fühlt sich halt erst einmal nicht so sehr nach Belohnung an wie Zeug bekommen.

Das ist einer der vielen Gründe, warum ich die ganze Digitalisierung der Medien so sympathisch finde: Man hat das Zeug einfach nicht mehr rumstehen.

Natürlich ist es irgendwie schön, eine gebundene Ausgabe von „Herr der Ringe“ im Regal stehen zu haben. Aber seien wir mal ehrlich: Die wenigsten Bücher sind so gut wie der „Herr der Ringe“. Einmal lesen reicht meistens völlig.

Auch bei Musik ist mir die Datei mittlerweile deutlich lieber als die CD im Regal. Eine Datei kann ich sofort per Suchfunktion finden, jederzeit anhören, sofort auf mein Handy kopieren, in die Cloud syncen und viel mehr. Bei einer CD ist da immer noch mindestens ein Schritt dazwischen.

Ein Kollege von mir hat mal gesagt: Die eigenen Besitztümer sind wie ein Gas, das den vorhandenen Raum vollständig ausfüllt – egal, wie groß der Raum ist. Wäre es nicht viel schöner, wenn man selber entscheidet, wie viel Zeug man eigentlich haben möchte?

Eine gute Idee dazu ist übrigens die 100 Thing Challenge, bei der man seine Besitztümer auf 100 Dinge beschränkt. Klingt erst einmal radikal – täte aber wahrscheinlich gar nicht mal so weh wie es zunächst klingt.