Permanentes Provisorium


2. November 2012

Facebook und die Aufmerksamkeits-Ökonomie

Category: Geschäftliches,Kulturelles,Nerdiges – Autor: marius – 18:44

Aktuell regen sich mal wieder viele Leute über Facebook auf. Stein des Anstoßes ist dieses Mal nicht das Thema Datenschutz, sondern die von Facebook immer stärker forcierte Möglichkeit, einzelne Beiträge gegen Bezahlung hervorzuheben und ihnen eine größere Sichtbarkeit zu verschaffen. Das betrifft sowohl Seitenbetreiber als auch Privatpersonen.

Das wird von vielen als ärgerliche Abzocke empfunden, und auch die von mir sehr geschätzten Blogrebellen haben ihrem Ärger kürzlich in einem längeren Beitrag Luft gemacht – dort gibt es auch einen kleinen Kommentar von mir zu dem Thema.

Ich finde die Aufregung um dieses Thema nur teilweise berechtigt, aber leider werden die Details der Problematik nur selten genannt.

Zum einen muss man natürlich feststellen, dass Facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das den Großteil seiner Services allen Nutzern kostenfrei zur Verfügung stellt – und daher natürlich mit anderen Services Geld verdienen muss. Das ist natürlich ein Argument, aber selbst, wenn man das einsieht, so führt das immer noch nicht unbedingt zu Sympathie für Facebooks Ansatz.

Werbung ist nicht das Problem

Wie ich zuvor schon mal geschrieben habe stört mich Werbung im Grunde nicht sonderlich – und auch wenn mir dazu keine repräsentativen Zahlen vorliegen, so vermute ich doch stark, dass die meisten Menschen sich mit relevanter, nicht zu aufdringlicher Werbung gut arrangieren können. Es ist also kein grundsätzliches Problem, dass Facebook Werbung zulässt.

Mein Eindruck ist, dass sich viele aber deswegen betrogen fühlen, weil sie plötzlich für etwas bezahlen müssen, was sie vorher – zumindest gefühlt – umsonst bekommen haben: Die Aufmerksamkeit ihrer Freunde und Fans. Und genau hier liegt zugleich ein großes Missverständnis bei den Nutzern wie auch eine Herausforderung, die Facebook lösen muss.

Aufmerksamkeit kann man sich verdienen – oder kaufen

Im Internet kann grundsätzlich jeder mit vergleichsweise geringem Aufwand und geringen Kosten etwas veröffentlichen. Das gleiche gilt auch für Facebook und ebenfalls für viele weitere Plattformen. Sich einen persönlichen Account bei Facebook einzurichten oder eine Facebook-Seite aufzusetzen dauert erst einmal nur ein paar Minuten.

Das hat zur Folge, dass immer mehr Leute eben genau das auch tun. Die Möglichkeit, etwas zu veröffentlichen ist damit – im Gegensatz zu klassischen Medien – so günstig geworden, dass man nicht mehr groß darüber nachdenken muss, ob man etwas veröffentlicht oder nicht. Man tut es einfach.

Genau das führt aber zu einer großen Menge an Inhalten, die kein Mensch mehr wirklich überblicken kann. Deswegen setzt Facebook ein Verfahren namens Edgerank ein, das bestimmt, welche Beiträge man sieht und welche nicht. Ganz grob gesagt zeigt Facebook einem besonders Inhalte von den Seiten und Personen an, deren Beiträge häufig geliked oder kommentiert wurden. Facebook sieht liken und kommentieren als Indikator für Relevanz an – man bestimmt also indirekt selber, wovon man mehr sehen möchte und wovon weniger.

Darüber hinaus können Seitenbetreiber oder Personen eben auch durch Bezahlung dafür sorgen, dass ihre Beiträge oder Seiten gesehen werden. Man kann sich Aufmerksamkeit also entweder durch besonders beliebte Inhalte verdienen, oder eben bezahlen.

Dass man sich Aufmerksamkeit verdienen muss ist leider auch im Jahre 2012 für viele immer noch eine neue Erkenntnis. Ich höre immer wieder von Leuten, die gerade ihre erste Webseite gelauncht haben, dass sie ganz verwundert sind, weil sich niemand ihre schöne, neue Seite ansieht. Dass es nicht reicht, etwas zu veröffentlichen, sondern dass man sich schon auch aktiv darum kümmern muss, gesehen zu werden, ist vielen noch neu.

Ohne Filter geht es nicht

Facebook bot da lange Zeit eine Lösung, mit der man dies scheinbar umgehen konnte. Solange nur wenige wussten, wie man eine Facebook-Seite erstellt, und solange die meisten Leute auch nur Verbindungen zu ein paar dutzend Freunden und Seiten hatten war dies auch tatsächlich so. Mittlerweile haben viele Nutzer aber hunderte von Facebook-Freunden und dazu noch eine ähnlich große Zahl an Seiten, die sie verfolgen.

Würde Facebook die Beiträge all dieser Freunde und Seiten einfach ungefiltert zeigen, so würde sich kein Nutzer mehr dort zurechtfinden. Irgendeine Art von Filter muss es also geben – und Facebook hat sich eben für eine Mischung aus Relevanzkriterien und Anzeigen entschieden.

Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource

Das ist keine neue Idee. Suchmaschinen wie Google arbeiten mit einer ähnlichen Kombination – und das höchst erfolgreich. Dies verdeutlicht aber, dass die wahre Herausforderung, die diese Plattformen lösen müssen, die Verteilung des knapper werdenden Gutes „Aufmerksamkeit“ ist.

Jeder Mensch kann seine Aufmerksamkeit nur begrenzt vielen Themen widmen. Technische Systeme wie Facebook oder Google helfen uns, unsere Aufmerksamkeit effizienter einzusetzen, und auch ein Großteil der klassischen Journalismus-Arbeit besteht darin, das Relevante vom Irrelevanten zu trennen.

Der Kampf um Aufmerksamkeit ist der wahre Verteilungskampf, der sich hier abspielt. Ich kann 2 Minuten meiner Zeit ENTWEDER einem interessanten Blog-Artikel  widmen ODER mich über ein neues Produkt informieren – nicht aber beides gleichzeitig. Beides kann irgendwie wichtig für mich sein – oder eben auch nicht.

Dieses Grundproblem wurde bereits vor mehreren Jahren als Aufmerksamkeitsökonomie („Attention Economy“) identifiziert. Wer dazu mehr wissen möchte, der findet bei ReadWriteWeb einen guten Artikel zu dem Thema.

Dieses Problem kann jede erfolgreiche Plattform nur lösen, indem sie auf die eine oder andere Weise Informationen filtert. Das kann man je nach Standpunkt als Zensur oder als nützliches Feature sehen – ganz ohne Filter geht es aber kaum. Auch die zahlreichen Umwege, mit denen die „Fans“ einer Seite wieder alle Beiträge der Seite sehen können, helfen aus diesem Grund nur begrenzt weiter.

Facebook muss eine Lösung finden – sonst tut es jemand anders

Deswegen ist es nicht ganz fair, Facebook allein die Schuld in die Schuhe zu schieben. Facebook muss natürlich Geld verdienen, und als erfolgreiche Plattform ist auch eine Filterung unumgänglich. Dennoch möchte ich Facebook nicht komplett in Schutz nehmen, denn sie haben sehr wohl die Aufgabe, ihre Filter so zu gestalten, dass sie die Interessen ihrer Nutzer auch tatsächlich treffen und dabei auch noch möglichst transparent und verständlich sind.

Manuelle Filtereinstellungen klingen in der Theorie zwar super, dürften aber 90% der Nutzer überfordern. Likes und Kommentare können befördern, dass man mehr von dem sieht, was man geliked oder kommentiert hat – aber sie sind eben (mehr oder weniger) öffentlich, und nicht jeder möchte (verständlicherweise) in aller Öffentlichkeit zu dem stehen, was ihn so interessiert. Vielleicht fehlt also nur eine Kleinigkeit: Sowas wie ein „Mehr davon!“-Button, der zwar die eigenen Filter anpasst, aber dies nicht gleich für alle sichtbar macht.

Vielleicht finden es in ein paar Jahren aber auch alle ganz normal, dass man sich Aufmerksamkeit eben kaufen muss – schließlich war das in den „alten“ Medien ja auch so. Ich hoffe jedoch, dass Facebook einen besseren Weg findet – ansonsten wird dies früher oder später eben jemand anderes tun.

Bild: Dave Duarte // CC-by-sa

7. September 2012

Warum es „das Internet“ nicht gibt

Category: Kulturelles,Nerdiges – Autor: marius – 14:09

Gerade rollt mal wieder eine öffentliche Debatte darüber, ob das Internet dumm macht. Mich wundert es ein wenig, wie man ernsthaft darüber diskutieren kann, aber auch in meinem direkten Umfeld höre ich solche Thesen immer wieder – auch von Leuten, die es eigentlich besser wissen müssten.

Generell finde ich diese Kritik etwas seltsam, wenn man sich mal vor Augen führt, dass in Deutschland der Durchschnittsbürger mehr als 4 Stunden Fernsehen am Tag schaut (ich frage mich immer noch, wie die Leute das überhaupt schaffen), während im Schnitt gerade mal 83 Minuten täglich auf Internet-Nutzung entfallen. Aber auch beim Fernsehen wird selbst der größte TV-Kritiker eingestehen, dass es hin und wieder gute, intelligent gemachte Sendungen, die einen sicher nicht dümmer machen. Es hängt halt davon ab, was man damit macht.

Beim Internet ist aber so gut wie jede grundsätzliche Kritik vollkommen sinnlos. Das Internet ist nicht einfach so etwas wie der digitale Nachfolger von analogen Medien, sondern etwas komplett anderes.

Wenn ich per Skype mit einem Freund spreche, dann nutze ich unbestreitbar das Internet. Werde ich davon dümmer? Kommt vermutlich stark darauf an, was dabei gesprochen wird. Mir wäre aber keine Studie bekannt, die zeigt, dass Telefonieren dumm macht – und das tun Millionen von Menschen jeden Tag.

Macht es mich dümmer, wenn ich einen Wikipedia-Artikel lese? Oder wenn ich einen Blog-Beitrag schreibe? Wie ist das beim gemeinsamen Editieren eines Fachartikels über Google Docs? Beim Anhören eines Musikstücks über Spotify? Oder beim Betrachten eines Spielfilms über Lovefilm?

Das alles sind völlig unterschiedliche Tätigkeiten – aber bei allen nutze ich in irgendeiner Form das Internet. Jede einzelne dieser Tätigkeiten löst höchstwahrscheinlich irgend etwas in meinem Gehirn aus – aber dasselbe gilt auch für Spazieren gehen, Bier trinken, Auto fahren, Zeitung lesen, mit Freunden sprechen oder Papierflieger basteln. Generelle Studien über die Auswirkungen von übermäßigem Papierfliegerbasteln dürfte es jedoch kaum geben.

(Fast) jede Generalisierung über das Internet muss also falsch sein.

Hinter diesen gerne gemachten Generalisierungen steckt immer irgendeine Annahme darüber, was das Internet denn eigentlich ist. Im Kern ist es dabei einfach nur eine Menge von vernetzten Rechnern, die auf eine bestimmte Art und Weise miteinander kommunizieren. Das Internet ist einfach nur eine Kommunikations-Infrastruktur – nicht mehr und nicht weniger.

Wer nun behauptet, das Internet mache dumm, schlau, aggressiv, friedlich oder kreativ, der kann eigentlich nur bestimmte Arten der Nutzung damit meinen – und die reichen nunmal von ziemlich komplexen geistigen Tätigkeiten bis hin zu eher banalen Dingen. Diese alle über einen Kamm zu scheren kann nur zu falschen Schlussfolgerungen führen. Das Internet als homogenes, klar definierbares Element unserer Kultur existiert schlicht und einfach nicht.

Meine Vermutung ist, dass der Versuch, allgemein gültige Aussagen über das Internet zu treffen, nicht so sehr aus dem Wunsch wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn getrieben ist. Hier dürfte eher eine Mischung aus diffuser Zukunftsangst, Unverständnis gegenüber Teilen der Netzkultur und allgemeiner Verklärung der Vergangenheit am Werk sein. Dafür habe ich durchaus Verständnis – aber richtiger werden Behauptungen über „das Internet“ dadurch eben leider nicht.

Bild: hdzimmermann // CC-by-nc-sa

16. August 2011

Luftpopcorn

Category: Alltägliches,Höflichkeit,Kulturelles – Autor: marius – 21:41

Ich habe kürzlich von Christian und Knitterfee etwas zum Thema Höflichkeit gelernt, das ich gerne teilen möchte:

Hin und wieder kommt man in die unangenehme Situation, dass man dabei sitzt, wenn zwei sich streiten. Besonders bei streitenden Paaren kann das eine sehr unangenehme Situation sein. Man möchte sich ja nicht einmischen, aber einfach ignorieren kann man es auch nicht. Die meisten starren dann einfach ins Leere.

Die viel coolere Reaktion finde ich es da, einfach direkt hinzugucken und so zu tun, als ob man die Show genießt – und dabei eben „Luftpopcorn“ isst. Damit vermittelt man den anderen ziemlich deutlich, dass ihr Streit gerade unpassend ist und hat eine gute Chance, diesen auf humorvolle Weise direkt aufzulösen.

Weil man das besser versteht, wenn man es sieht, habe ich das mal in einem kurzen Video erklärt:

Bild: Solo // CC-by-nc-sa

24. Juli 2011

Technisches Abwarten

Category: Kulturelles,Nerdiges – Autor: marius – 18:25

„Damit warte ich noch bis es ausgereift ist.“

Solche und ähnliche Sätze höre ich bei neuen technischen Produkten ziemlich häufig. Es erscheint vielen eine logische Haltung zu sein, nicht unter den ersten Nutzern zu sein und erst die „Kinderkrankheiten“ abzuwarten.

Dafür findet man häufig sogar ganz gute Rechtfertigungen, wie man am Beispiel des letzte Woche erschienenen Mac OS X Lion sehen kann. In diesem Fall habe ich mich den gängigen Empfehlungen widersetzt, habe früh geupdatet und natürlich auch gemischte Erfahrungen gemacht. Einige Dinge klappen gut, andere noch nicht. Insgesamt kann ich damit aber gut leben.

Interessant wird es allerdings, wenn man die abwartende Haltung mal etwas weiter denkt:

In  der Verallgemeinerung könnte man sagen, dass viele Produkte nie reifen würden, wenn alle nur abwarten. So gesehen tun die „Early Adopter“ allen späteren Nutzern einen Dienst damit, dass sie sich früh mit einem Produkt beschäftigen, die Fehler finden und später Tipps mit dem Umgang geben können. Die Early Adopter tun damit zwar irgendwie etwas gutes, aber aus Sicht des Abwartenden ist deren Haltung immer noch nicht sonderlich clever.

Nun kann man natürlich sagen, dass eben jeder das tun soll, worauf er Lust hat. Ich selber habe Spass an technischen Innovationen, andere eben nicht. Ich wundere mich nur, warum in einem Land, dessen Wohlstand in großen Teilen auf Technologie basiert, so häufig skeptische Haltungen gegenüber Neuem zu finden sind.

Ich will nicht groß darüber spekulieren, warum das so ist, aber ich vermute, dass nur eines dagegen hilft: Man darf nicht zu viel erklären oder argumentieren, sondern man muss einfach seinen Mitmenschen Lust auf Neues machen.

Sehr schön kann man dies z.B. an eBook-Readern sehen: Die meisten Leute, die nur davon gelesen oder gehört haben, halten eBook-Reader für ziemlich sinnloses Spielzeug. Man kann hier aber nahezu zusehen, wie sich der Sinneswandel vollzieht, wenn man einem Skeptiker mal ein solches Gerät in die Hand gibt und ihn ein paar Minuten damit spielen lässt.

Ich selber habe mir vor einigen Wochen einen Amazon Kindle gekauft und genau das mal mit einigen Bekannten ausprobiert. Wer einmal gesehen hat, wie das Display in Echt wirkt, wie leicht das Gerät ist und wie komfortabel die Bedienung, der ändert ziemlich schnell seine Meinung.

Ich sehe es zwar ganz sicher nicht als meine Mission an, mein komplettes Umfeld von den Segnungen technischer Innovation zu überzeugen – aber ein bisschen mehr Offenheit gegenüber Neuem täte manchem sicher gut.

Bild: pfv. // CC-by-nc

15. Juli 2011

Kostenlos?

Category: Geschäftliches,Kulturelles – Autor: marius – 16:56

Wir sind es gewohnt, für einige Dinge Geld zu bezahlen, für andere dagegen nicht.

Normal ist es, dass Atemluft umsonst ist, Nahrungsmittel jedoch nicht. Daran haben wir uns gewöhnt, und wir verteidigen diese Gewohnheiten. Wir werden misstrauisch, wenn uns jemand etwas schenken will, was normalerweise Geld kostet, und wir werden wütend, wenn etwas Geld kostet, was normalerweise umsonst ist.

Kürzlich wollte ich etwas verschenken, für das man normalerweise bezahlt. Einige Freunde haben mich gefragt, ob ich ihnen erklären kann, wie man auf Facebook erfolgreich Werbung z.B. für eigene Veranstaltungen machen kann. Da ich mich mit dem Thema auskenne habe ich gerne zugestimmt. Es war wenig Arbeit für mich und für alle Beteiligten ein interessanter und unterhaltsamer Abend.

Etwas gewundert hat mich allerdings die Reaktion einiger Leute, denen ich davon erzählt habe. Einige fragten mich, ob ich Geld dafür haben möchte. Manche witterten sogar eine meldepflichtige Nebentätigkeit. Und eine Frau, die ich kaum kenne, fragte mich sogar, ob ich stattdessen nicht eine individuelle Beratung auf Auftragsbasis anbieten könnte. Das große Missverständnis dabei: Ich wollte gar kein Geld. Ich wollte nur mein Wissen teilen, weil ich es gerne tue. Ich habe jetzt gelernt, dass man sich damit bei manchen Leuten verdächtig macht.

Wenn man mal überlegt, was eigentlich ganz allgemein „umsonst“ und was „kostenpflichtig“ ist, dann stellt man schnell fest, dass die Grenze ziemlich willkürlich verläuft:

So parkt man an manchen Stellen sein Auto für umsonst, während es an anderen Stellen Automaten gibt, die Parktickets verkaufen.
Das Buch „Free“ kann man zwar umsonst als Audiobook herunterladen – die eBook-Variante dagegen kostet Geld. Beim „Rheinkultur„-Festival kann ich viele Bands für umsonst sehen, für die ich anderswo bezahlen müsste. Von solchen Beispielen findet man eine Reihe.

Man könnte versuchen, hier eine innere Logik zu suchen. Ich fürchte jedoch, man wird keine finden. Das sieht man auch an Vergleichen zwischen verschiedenen Ländern: Beispielsweise kostet die Nutzung deutscher Autobahnen für PKWs nichts – in der Schweiz muss man dafür eine Vignette kaufen.

Interessant finde ich all das, weil es mal wieder zeigt, wie sehr wir an unseren Gewohnheiten kleben. Gerade der Umgang mit Geld ist für viele Leute etwas, was man so rational wie möglich behandeln sollte – aber selbst die Trennung zwischen „umsonst“ und „kostenpflichtig“ ist eine höchst willkürliche Grenze. Wie soll man da noch vernünftig mit Geld umgehen, wenn das Geld selbst so unvernünftig ist?

Foto: Joe Shlabotnik // CC-by-nc-sa

5. Juli 2011

Bier trinken im öffentlichen Raum

Category: Kulturelles,Politisches – Autor: marius – 23:13


Transparent am Brüsseler Platz

Es ist Sommer, es ist warm, und viele Leute gehen bei warmem Wetter gerne raus, treffen sich mit anderen Leuten und trinken dabei ein paar Bier. Das ist mit Sicherheit keine Neuigkeit – sorgt aber immer wieder für Ärger.

In den letzten Wochen hörte man immer wieder von sog. „Facebook-Parties“, die hin und wieder außer Kontrolle geraten. Deswegen wird viel diskutiert über junge Leute und ihr Partyverhalten, die Verrohung der Sitten und die ersten Politiker denken auch schon laut über ein Verbot von Facebook-Parties nach.

Auf den ersten Blick mag das alles verständlich sein: Wo sich viele Leute treffen, Bier trinken und miteinander Spass haben, da gibt es normalerweise auch Krach, Dreck, Schäden und manchmal sogar Verletzte. Diese Konsequenzen muss irgend jemand beheben, was wiederrum Geld kostet. Dieses Geld muss jemand bezahlen, also richtet man sich bei Facebook-Parties an den vermeintlichen Veranstalter.

Dass dies nicht immer so einfach ist sieht man an einem aktuellen Streifall in Köln: Gerade im Sommer trifft man sich hier gerne auf dem Brüsseler Platz, einem gut gelegenen Platz am Rande eines Kölner Szeneviertels. Hier kommen häufig einige hundert Leute zusammen, bringen sich ihr Bier vom Kiosk mit und machen sich einen schönen Abend.

Die Nebenwirkungen sind dabei nahezu die gleichen wie bei den berüchtigten Facebook-Parties: Krach, Dreck, Schäden an Blumenbeeten, Wildpinkler und all das, was einem als aktiv beteiligter tendenziell egal ist, als Anwohner oder Außenstehender aber doch sauer aufstößt.

Damit kann man also schon mal festhalten: Größere spontane Menschenansammlungen, die Lärm und Dreck machen, gab und gibt es völlig unabhängig von Facebook. Dafür braucht es noch nicht einmal einen Veranstalter. Außerdem mag so etwas zwar für manche unangenehm sein – illegal ist so ein Treffen im öffentlichen Raum aber erst einmal nicht.

Bei Facebook-Parties liegt der Fall eigentlich nur deswegen ein bißchen anders, weil es bei Facebook zumindest scheinbar immer einen Veranstalter gibt. Wobei, wenn man es ganz genau nimmt, dann lässt sich bei  einer Facebook-Veranstaltung immer nur der Ersteller der Event-Seite erkennen. Das muss nicht zwingend der Veranstalter sein.

Wenn ich also bei Facebook ein Event anlege und zu diesem Event kommen dann 1.000 Leute, bin ich dann automatisch ein Veranstalter? Kann man mich damit zur Rechenschaft ziehen, wenn dabei etwas aus dem Ruder läuft?

Das mag man zuerst für eine Spitzfindigkeit halten, aber es lohnt sich, den Punkt näher zu betrachten: So sah es heute einmal kurzzeitig danach aus, als ob die CDU auf einigen Lokal-Events eine Menge ungebetenen Besuch bekommen könnte – weil ihre Events eben auch bei Facebook eingetragen sind und die jeweiligen Ortsvereine hier natürlich die Veranstalter sind. Einige clevere Facebook-Nutzer haben dann versucht, mit Massen-Einladungen diese Events zu „Facebook-Parties“ zu machen. Die Reaktion der CDU war wohl die Löschung der entsprechenden Event-Seiten.

Daran sieht man sehr schön, warum eine Facebook-Party eigentlich keine Veranstaltung ist, sondern auch nur Bier trinken im öffentlichen Raum – also etwas, was Leute schon lange vor Facebook gemacht haben und wohl auch noch lange tun werden. Ein bloßes Weiterleiten einer Veranstaltung kann wohl schwerlich als „selber veranstalten“ gewertet werden – und wen würde man dann zur Verantwortung ziehen wollen, wenn etwas schief geht?

Sowohl hinter dem ungeplanten Treffen auf dem Brüsseler Platz in Köln als auch hinter Facebook-Parties stecken doch eigentlich uralte Grundbedürfnisse: Sich mit anderen Menschen treffen, Spass haben, feiern usw.. Von daher ist die Aufregung, die gerade darum gemacht wird, sicherlich übertrieben.

Die Grundsatzfrage, was man aber mit all dem Dreck, mit dem Krach und den Schäden macht, muss man natürlich trotzdem klären. In Köln versucht man derzeit, in einem Park am Aachener Weiher eine Alternative zum Brüsseler Platz aufzubauen, wo weniger Anwohner gestört werden. Außerdem gibt es jetzt öffentliche Pissoirs und das Ordnungsamt schaut auch öfter mal vorbei.

Hinter diesen ganzen ungeplanten Treffen wittere ich ein deutliches Bedürfnis nach attraktiven öffentlichen Plätzen, die nicht nur zum Durchlaufen und Taubenfüttern gedacht sind, sondern ganz selbstverständlich ein sozialer Treffpunkt sind. Natürlich gibt es Kneipen, Cafés und Clubs, aber das sind eben alles keine öffentlichen Räume. Ich glaube, darüber lohnt es sich nachzudenken.

Vielleicht muss man auch mal ein paar mehr Leuten die Möglichkeiten und Gefahren von Facebook im Detail erklären, damit sie damit keinen Unsinn anstiften.Vielleicht kann sich auch der ein oder andere „echte“ Event-Veranstalter hier einiges abgucken, wie man Events erfolgreich promotet.

Ziemlich sicher sind aber einschränkende Gesetze, hysterische Diskussionen und massive Strafandrohungen der falsche Weg. Ich hoffe, dass das Ganze einfach nur das diesjährige Sommerloch füllt und sich so manches Gemüt bei einem kühlen Bierchen unter freiem Himmel auch wieder abkühlt. Ich habe gehört, so ein kühles Bier mögen auch konservative Politiker ganz gerne.

Foto: Igorschwarzmann // CC-by-nc-sa

24. Juni 2011

Instant-Seriosität

Category: Alltägliches,Kulturelles – Autor: marius – 13:14

Ich habe eine recht ansehnliche Sammlung von bunten, kreativ gestalteten T-Shirts, die ich gerne trage. Das Shirt, auf das ich mit Abstand am häufigsten angesprochen werde, ist aber mein Krawatten-Shirt von Tie-Shirt.

Ich habe mir das Shirt vor einer Weile aus einer spontanen Laune gekauft, und fast immer, wenn ich das Shirt trage, bekomme ich viele belustigte Kommentare dazu. Damit habe ich natürlich kein Problem, im Gegenteil. Ich mag das Shirt ja selber.

Ich finde es allerdings interessant, warum gerade dieses Shirt so viele Reaktionen hervorruft. Von der Gestaltung her ist es eher schlicht und es ist auch nicht sonderlich aufwendig produziert. Der Grund für die Reaktionen dürfte eher in der Symbolwirkung der Krawatte liegen.

Für viele Menschen – besonders in der Business-Welt – sind Krawatten alltäglicher Begleiter. Sie gelten als Symbol von Seriosität, Traditionsbewusstsein und stilvoller Kleidung. Und wer sich privat eine Krawatte umbindet, der tut dies häufig aus einem besonderen Anlass heraus. Die Krawatte hat eine starke Außenwirkung und wer sie trägt, der setzt damit auch ein Statement.

Auf der anderen Seite kann dieses Symbol der Seriosität natürlich auch dafür benutzt werden, diese nur vorzutäuschen. Ein windiger Vertreter kann mit Hilfe der Krawatte (und anderen Symbolen) den Anschein eines ehrenwerten Geschäftsmannes erzeugen – auch wenn die Ehrenhaftigkeit vielleicht wenige Zentimeter über dem Krawattenknoten aufhört.

Vielleicht liegt genau hier die subtile Ironie des Krawatten-Shirts. Fast jeder kennt bewusst oder unbewusst die Wirkung, aber auch das Täuschungspotential der Krawatte. Seriosität und Stilbewusstsein kann man sich nun einmal nicht einfach umbinden, sondern man muss sie sich verdienen. Dennoch vertrauen viele auf solche Äußerlichkeiten, denn nicht immer hat man die Zeit und die Möglichkeit, eine Person so in der Tiefe kennenzulernen, dass solche Symbole unnötig wären. Das ist grundsätzlich in Ordnung, aber man sollte sich ruhig hin und wieder bewusst machen, dass Symbole auch täuschen können. Wenn ein Krawatten-Shirt dabei hilft, dann laufe ich auch gerne häufiger damit herum.

Es gibt übrigens noch ein anderes Shirt, auf das ich fast genau so häufig angesprochen werde. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag…