Permanentes Provisorium


2. November 2012

Facebook und die Aufmerksamkeits-Ökonomie

Category: Geschäftliches,Kulturelles,Nerdiges – Autor: marius – 18:44

Aktuell regen sich mal wieder viele Leute über Facebook auf. Stein des Anstoßes ist dieses Mal nicht das Thema Datenschutz, sondern die von Facebook immer stärker forcierte Möglichkeit, einzelne Beiträge gegen Bezahlung hervorzuheben und ihnen eine größere Sichtbarkeit zu verschaffen. Das betrifft sowohl Seitenbetreiber als auch Privatpersonen.

Das wird von vielen als ärgerliche Abzocke empfunden, und auch die von mir sehr geschätzten Blogrebellen haben ihrem Ärger kürzlich in einem längeren Beitrag Luft gemacht – dort gibt es auch einen kleinen Kommentar von mir zu dem Thema.

Ich finde die Aufregung um dieses Thema nur teilweise berechtigt, aber leider werden die Details der Problematik nur selten genannt.

Zum einen muss man natürlich feststellen, dass Facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das den Großteil seiner Services allen Nutzern kostenfrei zur Verfügung stellt – und daher natürlich mit anderen Services Geld verdienen muss. Das ist natürlich ein Argument, aber selbst, wenn man das einsieht, so führt das immer noch nicht unbedingt zu Sympathie für Facebooks Ansatz.

Werbung ist nicht das Problem

Wie ich zuvor schon mal geschrieben habe stört mich Werbung im Grunde nicht sonderlich – und auch wenn mir dazu keine repräsentativen Zahlen vorliegen, so vermute ich doch stark, dass die meisten Menschen sich mit relevanter, nicht zu aufdringlicher Werbung gut arrangieren können. Es ist also kein grundsätzliches Problem, dass Facebook Werbung zulässt.

Mein Eindruck ist, dass sich viele aber deswegen betrogen fühlen, weil sie plötzlich für etwas bezahlen müssen, was sie vorher – zumindest gefühlt – umsonst bekommen haben: Die Aufmerksamkeit ihrer Freunde und Fans. Und genau hier liegt zugleich ein großes Missverständnis bei den Nutzern wie auch eine Herausforderung, die Facebook lösen muss.

Aufmerksamkeit kann man sich verdienen – oder kaufen

Im Internet kann grundsätzlich jeder mit vergleichsweise geringem Aufwand und geringen Kosten etwas veröffentlichen. Das gleiche gilt auch für Facebook und ebenfalls für viele weitere Plattformen. Sich einen persönlichen Account bei Facebook einzurichten oder eine Facebook-Seite aufzusetzen dauert erst einmal nur ein paar Minuten.

Das hat zur Folge, dass immer mehr Leute eben genau das auch tun. Die Möglichkeit, etwas zu veröffentlichen ist damit – im Gegensatz zu klassischen Medien – so günstig geworden, dass man nicht mehr groß darüber nachdenken muss, ob man etwas veröffentlicht oder nicht. Man tut es einfach.

Genau das führt aber zu einer großen Menge an Inhalten, die kein Mensch mehr wirklich überblicken kann. Deswegen setzt Facebook ein Verfahren namens Edgerank ein, das bestimmt, welche Beiträge man sieht und welche nicht. Ganz grob gesagt zeigt Facebook einem besonders Inhalte von den Seiten und Personen an, deren Beiträge häufig geliked oder kommentiert wurden. Facebook sieht liken und kommentieren als Indikator für Relevanz an – man bestimmt also indirekt selber, wovon man mehr sehen möchte und wovon weniger.

Darüber hinaus können Seitenbetreiber oder Personen eben auch durch Bezahlung dafür sorgen, dass ihre Beiträge oder Seiten gesehen werden. Man kann sich Aufmerksamkeit also entweder durch besonders beliebte Inhalte verdienen, oder eben bezahlen.

Dass man sich Aufmerksamkeit verdienen muss ist leider auch im Jahre 2012 für viele immer noch eine neue Erkenntnis. Ich höre immer wieder von Leuten, die gerade ihre erste Webseite gelauncht haben, dass sie ganz verwundert sind, weil sich niemand ihre schöne, neue Seite ansieht. Dass es nicht reicht, etwas zu veröffentlichen, sondern dass man sich schon auch aktiv darum kümmern muss, gesehen zu werden, ist vielen noch neu.

Ohne Filter geht es nicht

Facebook bot da lange Zeit eine Lösung, mit der man dies scheinbar umgehen konnte. Solange nur wenige wussten, wie man eine Facebook-Seite erstellt, und solange die meisten Leute auch nur Verbindungen zu ein paar dutzend Freunden und Seiten hatten war dies auch tatsächlich so. Mittlerweile haben viele Nutzer aber hunderte von Facebook-Freunden und dazu noch eine ähnlich große Zahl an Seiten, die sie verfolgen.

Würde Facebook die Beiträge all dieser Freunde und Seiten einfach ungefiltert zeigen, so würde sich kein Nutzer mehr dort zurechtfinden. Irgendeine Art von Filter muss es also geben – und Facebook hat sich eben für eine Mischung aus Relevanzkriterien und Anzeigen entschieden.

Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource

Das ist keine neue Idee. Suchmaschinen wie Google arbeiten mit einer ähnlichen Kombination – und das höchst erfolgreich. Dies verdeutlicht aber, dass die wahre Herausforderung, die diese Plattformen lösen müssen, die Verteilung des knapper werdenden Gutes „Aufmerksamkeit“ ist.

Jeder Mensch kann seine Aufmerksamkeit nur begrenzt vielen Themen widmen. Technische Systeme wie Facebook oder Google helfen uns, unsere Aufmerksamkeit effizienter einzusetzen, und auch ein Großteil der klassischen Journalismus-Arbeit besteht darin, das Relevante vom Irrelevanten zu trennen.

Der Kampf um Aufmerksamkeit ist der wahre Verteilungskampf, der sich hier abspielt. Ich kann 2 Minuten meiner Zeit ENTWEDER einem interessanten Blog-Artikel  widmen ODER mich über ein neues Produkt informieren – nicht aber beides gleichzeitig. Beides kann irgendwie wichtig für mich sein – oder eben auch nicht.

Dieses Grundproblem wurde bereits vor mehreren Jahren als Aufmerksamkeitsökonomie („Attention Economy“) identifiziert. Wer dazu mehr wissen möchte, der findet bei ReadWriteWeb einen guten Artikel zu dem Thema.

Dieses Problem kann jede erfolgreiche Plattform nur lösen, indem sie auf die eine oder andere Weise Informationen filtert. Das kann man je nach Standpunkt als Zensur oder als nützliches Feature sehen – ganz ohne Filter geht es aber kaum. Auch die zahlreichen Umwege, mit denen die „Fans“ einer Seite wieder alle Beiträge der Seite sehen können, helfen aus diesem Grund nur begrenzt weiter.

Facebook muss eine Lösung finden – sonst tut es jemand anders

Deswegen ist es nicht ganz fair, Facebook allein die Schuld in die Schuhe zu schieben. Facebook muss natürlich Geld verdienen, und als erfolgreiche Plattform ist auch eine Filterung unumgänglich. Dennoch möchte ich Facebook nicht komplett in Schutz nehmen, denn sie haben sehr wohl die Aufgabe, ihre Filter so zu gestalten, dass sie die Interessen ihrer Nutzer auch tatsächlich treffen und dabei auch noch möglichst transparent und verständlich sind.

Manuelle Filtereinstellungen klingen in der Theorie zwar super, dürften aber 90% der Nutzer überfordern. Likes und Kommentare können befördern, dass man mehr von dem sieht, was man geliked oder kommentiert hat – aber sie sind eben (mehr oder weniger) öffentlich, und nicht jeder möchte (verständlicherweise) in aller Öffentlichkeit zu dem stehen, was ihn so interessiert. Vielleicht fehlt also nur eine Kleinigkeit: Sowas wie ein „Mehr davon!“-Button, der zwar die eigenen Filter anpasst, aber dies nicht gleich für alle sichtbar macht.

Vielleicht finden es in ein paar Jahren aber auch alle ganz normal, dass man sich Aufmerksamkeit eben kaufen muss – schließlich war das in den „alten“ Medien ja auch so. Ich hoffe jedoch, dass Facebook einen besseren Weg findet – ansonsten wird dies früher oder später eben jemand anderes tun.

Bild: Dave Duarte // CC-by-sa

28. Oktober 2012

Dinge loswerden im Internet

Category: Alltägliches,Geschäftliches – Autor: marius – 23:23

Ich denke seit einiger Zeit darüber nach, was ich von den Dingen, die ich derzeit besitze, auch wirklich haben will. Vom Gedanken zur Tat dauert es natürlich immer eine Weile, aber in den letzten Wochen habe ich damit begonnen, ein paar Dinge zu verkaufen, zu verschenken oder auch wegzuwerfen, die ich wirklich nicht mehr brauche.

Dazu gehören z.B. mein altes iPhone, ein CD-Regal, viele CDs und Bücher, ein paar Xbox-Spiele und mehr. Alles in allem sind das noch überschaubare Mengen, aber der Anfang ist gemacht, und es fühlt sich erstaunlicherweise echt gut an, sich von Ballast zu befreien.

Beim ganz praktischen Loswerden von Dingen ist das Internet eine große Hilfe. Der Klassiker dafür ist natürlich eBay, wo ich auch schon einiges verkauft habe. Durch die Verkaufsaktionen der letzten Wochen habe ich mich noch einmal mit dem Thema beschäftigt und gemerkt, dass je nach Art des zu verkaufenden Gegenstands ganz andere Plattformen eBay in der ein oder anderen Hinsicht durchaus überlegen sind.

Hier drei Beispiele aus eigener Erfahrung:

  • Verkaufen bei Amazon: Heute Nachmittag habe ich mein altes iPhone zum Verkauf bei Amazon eingestellt – 4 Stunden später war es weg, für einen durchaus guten Preis. Ich musste lediglich den Zustand des Gerätes bewerten, eine kurze Beschreibung verfassen und einen Preis festsetzen. Bei eBay hätte ich dafür eher so zwischen 3 und 10 Tagen gebraucht, hätte Fotos machen und ein Auktionsprofil ausfüllen müssen. In Zukunft werde ich mich häufiger fragen, ob ich das wirklich tun sollte.
  • Medienverkauf über RebuyBei CDs und Büchern lohnt es sich häufig nicht, diese einzeln zu verkaufen. Wenn man nicht gerade etwas Seltenes verkauft, dann bekommt man über die gängigen Online-Shops häufig sogar weniger als einen Euro pro verkaufter CD oder Taschenbuch – dafür lohnt sich der ganze Aufwand mit dem Versand kaum. In so einem Fall ist Rebuy echt praktisch: Über die angebotene Smartphone-App scannt man die Barcodes der Artikel ein, bekommt direkt den Ankaufpreis angezeigt und kann sich am Ende direkt auch kostenlos den Versandschein ausdrucken. Zugegeben, viel Geld pro Medium bekommt man hier auch nicht, aber wenn man viel auf einmal loswerden möchte und das Zeug ohnehin nur ungenutzt rumliegt, dann ist das sicher besser als es noch ein paar Jahre länger rumliegen zu lassen. Der ganze Prozess kostete mich für 72 Artikel ca. 3 Stunden (zum Sortieren und Barcode scannen) und nach ca. einer Woche hatte ich das Geld.
  • Vinyl-Verkauf über DiscogsAuch bei Vinyl-Schallplatten habe ich einige, die ich wirklich nicht mehr höre. Das Problem liegt hier ähnlich wie bei den CDs: Die meisten Scheiben haben einen Verkaufswert, der so klein ist, dass sich ein Einzelverkauf kaum lohnt. Für die Platten, die aber noch etwas mehr wert sind, lohnt sich der Verkauf über Discogs, einen spezialisierten Marktplatz für Vinyl-Sammler, aber schon. Schön ist hier, dass der Service international aufgestellt ist. So kann man auch EU-weit (oder gar weltweit, wenn man möchte) potentielle Kunden finden. Ich habe hier zwar noch keine Massen verkauft, aber in den Fällen, wo ich es gemacht habe, hat das problemlos funktioniert.

Jahrelang habe ich eigentlich nur bei eBay verkauft und durchaus auch eine Menge gekauft. Ich halte das Auktionsmodell nicht für schlecht, aber die richtigen Schnäppchen macht man bei eBay schon seit Jahren nur noch in Ausnahmefällen. Bei Nischenartikeln oder unbekannten Marken mag man Glück haben, aber bei vielen anderen ist der Verkauf über eBay doch recht aufwendig in der Aufbereitung – und auch als Käufer geht es mir mittlerweile eher auf den Keks, dass ich ein Produkt nur vielleicht bekomme.

Dass Auktionen nicht immer das ideale Modell sind hat mittlerweile wohl auch eBay selber erkannt. Mit eBay Sofortverkauf bietet man dort beispielsweise einen Service, der es einem ohne Auktionen erlaubt, Elektrogeräte zu verkaufen. Das letzte Wort in Sachen „Dinge loswerden im Internet“ ist sicher noch lange nicht gesprochen.

15. Juli 2011

Kostenlos?

Category: Geschäftliches,Kulturelles – Autor: marius – 16:56

Wir sind es gewohnt, für einige Dinge Geld zu bezahlen, für andere dagegen nicht.

Normal ist es, dass Atemluft umsonst ist, Nahrungsmittel jedoch nicht. Daran haben wir uns gewöhnt, und wir verteidigen diese Gewohnheiten. Wir werden misstrauisch, wenn uns jemand etwas schenken will, was normalerweise Geld kostet, und wir werden wütend, wenn etwas Geld kostet, was normalerweise umsonst ist.

Kürzlich wollte ich etwas verschenken, für das man normalerweise bezahlt. Einige Freunde haben mich gefragt, ob ich ihnen erklären kann, wie man auf Facebook erfolgreich Werbung z.B. für eigene Veranstaltungen machen kann. Da ich mich mit dem Thema auskenne habe ich gerne zugestimmt. Es war wenig Arbeit für mich und für alle Beteiligten ein interessanter und unterhaltsamer Abend.

Etwas gewundert hat mich allerdings die Reaktion einiger Leute, denen ich davon erzählt habe. Einige fragten mich, ob ich Geld dafür haben möchte. Manche witterten sogar eine meldepflichtige Nebentätigkeit. Und eine Frau, die ich kaum kenne, fragte mich sogar, ob ich stattdessen nicht eine individuelle Beratung auf Auftragsbasis anbieten könnte. Das große Missverständnis dabei: Ich wollte gar kein Geld. Ich wollte nur mein Wissen teilen, weil ich es gerne tue. Ich habe jetzt gelernt, dass man sich damit bei manchen Leuten verdächtig macht.

Wenn man mal überlegt, was eigentlich ganz allgemein „umsonst“ und was „kostenpflichtig“ ist, dann stellt man schnell fest, dass die Grenze ziemlich willkürlich verläuft:

So parkt man an manchen Stellen sein Auto für umsonst, während es an anderen Stellen Automaten gibt, die Parktickets verkaufen.
Das Buch „Free“ kann man zwar umsonst als Audiobook herunterladen – die eBook-Variante dagegen kostet Geld. Beim „Rheinkultur„-Festival kann ich viele Bands für umsonst sehen, für die ich anderswo bezahlen müsste. Von solchen Beispielen findet man eine Reihe.

Man könnte versuchen, hier eine innere Logik zu suchen. Ich fürchte jedoch, man wird keine finden. Das sieht man auch an Vergleichen zwischen verschiedenen Ländern: Beispielsweise kostet die Nutzung deutscher Autobahnen für PKWs nichts – in der Schweiz muss man dafür eine Vignette kaufen.

Interessant finde ich all das, weil es mal wieder zeigt, wie sehr wir an unseren Gewohnheiten kleben. Gerade der Umgang mit Geld ist für viele Leute etwas, was man so rational wie möglich behandeln sollte – aber selbst die Trennung zwischen „umsonst“ und „kostenpflichtig“ ist eine höchst willkürliche Grenze. Wie soll man da noch vernünftig mit Geld umgehen, wenn das Geld selbst so unvernünftig ist?

Foto: Joe Shlabotnik // CC-by-nc-sa

28. Juni 2011

Häufige Ausnahmen

Category: Alltägliches,Geschäftliches,Nerdiges – Autor: marius – 21:47

Kaputter Automat

Letzten Donnerstag fuhr ich mit der Bahn von Köln nach Aachen. Dabei ging etwas schief, was mich ein wenig geärgert, aber auch zum nachdenken gebracht hat.

Es soll in diesem Text aber nicht in erster Linie darum gehen, dass ich mich über die Bahn geärgert habe. Mir ist dabei nur etwas klar geworden, das ich gerne an diesem Beispiel erläutern möchte.

Ich fuhr also mit der Bahn von Köln nach Aachen. Der Fahrkartenautomat am Einstiegsbahnhof war leider defekt, so dass ich keine Fahrkarte kaufen konnte. Natürlich wurde ich direkt an der nächsten Station kontrolliert, und erklärte wahrheitsgemäß, dass ich gerne eine Karte gekauft hätte, aber wegen des defekten Automaten nicht dazu in der Lage war. Die beiden Kontrolleure waren freundlich und versuchten sichtlich, nicht den Anschein zu erwecken, ich sei ein Schwarzfahrer. Das Dokument, was sie mir nach Prüfung meines Personalausweises und Bezahlen des regulären Fahrtpreises ausstellten, ließ aber nur wenig Zweifel daran, dass dahinter genau derselbe Standard-Unternehmensprozess liegt wie bei einem Schwarzfahrer. Man teilte mir mit, man werde meine Behauptung bzgl. des defekten Automaten prüfen, und wenn das wirklich so sei, dann bekäme ich eine schriftliche Entschuldigung.

Ich habe diesen Brief noch nicht bekommen, und eigentlich war das alles in allem jetzt auch ein ganz harmloser Vorgang. Etwas unwohl wurde mir dann allerdings, als mir klar wurde, dass genau diese Erfahrung wahrscheinlich alles andere als selten ist. Fahrkarten-Automaten sind Maschinen, und Maschinen gehen nun mal hin und wieder kaputt. Das heisst, es wird wahrscheinlich jeden Tag eine nicht geringe Anzahl von Leuten geben, die wegen kaputter Automaten keine Fahrkarten haben und daraufhin wie Schwarzfahrer behandelt werden.

Und auch das ist eigentlich noch harmlos, wenn man sich mal vorstellt, wo Leute noch unangemessen behandelt werden, weil ein Fall aufgetreten ist, der eigentlich eine seltene Ausnahme sein sollte. Einen guten Eindruck davon bekommt man z.B., wenn man mal nach Problemen beim Umzug mit einem DSL-Anschluss sucht.

Ich glaube, man kann hier guten Gewissens behaupten, dass bestimmte „Ausnahmefälle“ keineswegs selten sind, sondern täglich tausendfach auftreten – obwohl sie es eigentlich nicht sollten.

Das Problem dahinter ist nicht nur ein Problem der Bahn. So ziemlich jedes größere Unternehmen und auch Behörden arbeiten viel mit standardisierten, (teil-)automatisierten Prozessen. Diese Prozesse schreiben genau fest, was in welchem Fall zu tun ist – z.B. dass jemand, der behauptet, der Fahrkartenautomat sei kaputt, so ähnlich wie ein Schwarzfahrer zu behandeln ist.

Nun sind standardisierte Prozesse generell nichts Böses. Sie machen an vielen Stellen das Leben einfacher und billiger. Mir ist es z.B. deutlich lieber, dass ich jemandem über einen Standard-Prozess Geld überweisen kann. Ich bin sehr froh, dass ich keinem ahnungslosen Bankschalterangestellten erklären muss, wer denn dieser Herr eBay ist und warum ich ihm siebeneurofünfzig überweisen möchte. Standard-Prozesse sind an vielen Stellen echt super.

Aber wenn etwas schief geht, dann sind Standard-Prozesse oft richtig schlecht. Über die Gründe kann ich im Einzelfall nur spekulieren. Vermutlich liegt es aber zu einem guten Teil daran, dass es sich einfach nicht lohnt, einen richtig guten Prozess für einen seltenen Fall zu bauen. Da denkt einfach keiner der Verantwortlichen lange drüber nach.

All das ist irgendwie auch verständlich – aber trotzdem ist mir ein wenig mulmig am Gedanken daran, wie viele schlecht gelöste Ausnahmefälle wahrscheinlich tagtäglich passieren.

Dabei gäbe es durchaus Lösungsmöglichkeiten, wenn man denn wirklich will. Eine wäre es, die Standard-Prozesse so gut zu machen, dass auch Ausnahmefälle schnell und freundlich gelöst werden können. Gunter Dueck hat dazu einmal gefordert, dass „mühelose Ergebniserzielung im Vordergrund stehen [muss], nicht die leichte Kontrollierbarkeit“ und nach mehr Prozess-Ergonomie gerufen. Eine andere Möglichkeit wäre es, die Prozesse in Ausnahmefällen einfach mal in den Hintergrund zu stellen – und sich stattdessen um eine persönliche Lösung zu bemühen.

Auch die Bahn könnte z.B. einfach einen defekten Automaten temporär durch einen Menschen ersetzen. Oder der Automat könnte mir eine schriftliche Bestätigung dafür geben, dass er kaputt ist.

Alternativ könnten die Kontrolleure einem einfach glauben. Aber wahrscheinlich ist ist es doch etwas unrealistisch, von einem Kontrolleur zu fordern, dass er Vertrauen besser finden soll als Kontrolle…