Permanentes Provisorium


7. September 2012

Warum es „das Internet“ nicht gibt

Autor: marius – 14:09

Gerade rollt mal wieder eine öffentliche Debatte darüber, ob das Internet dumm macht. Mich wundert es ein wenig, wie man ernsthaft darüber diskutieren kann, aber auch in meinem direkten Umfeld höre ich solche Thesen immer wieder – auch von Leuten, die es eigentlich besser wissen müssten.

Generell finde ich diese Kritik etwas seltsam, wenn man sich mal vor Augen führt, dass in Deutschland der Durchschnittsbürger mehr als 4 Stunden Fernsehen am Tag schaut (ich frage mich immer noch, wie die Leute das überhaupt schaffen), während im Schnitt gerade mal 83 Minuten täglich auf Internet-Nutzung entfallen. Aber auch beim Fernsehen wird selbst der größte TV-Kritiker eingestehen, dass es hin und wieder gute, intelligent gemachte Sendungen, die einen sicher nicht dümmer machen. Es hängt halt davon ab, was man damit macht.

Beim Internet ist aber so gut wie jede grundsätzliche Kritik vollkommen sinnlos. Das Internet ist nicht einfach so etwas wie der digitale Nachfolger von analogen Medien, sondern etwas komplett anderes.

Wenn ich per Skype mit einem Freund spreche, dann nutze ich unbestreitbar das Internet. Werde ich davon dümmer? Kommt vermutlich stark darauf an, was dabei gesprochen wird. Mir wäre aber keine Studie bekannt, die zeigt, dass Telefonieren dumm macht – und das tun Millionen von Menschen jeden Tag.

Macht es mich dümmer, wenn ich einen Wikipedia-Artikel lese? Oder wenn ich einen Blog-Beitrag schreibe? Wie ist das beim gemeinsamen Editieren eines Fachartikels über Google Docs? Beim Anhören eines Musikstücks über Spotify? Oder beim Betrachten eines Spielfilms über Lovefilm?

Das alles sind völlig unterschiedliche Tätigkeiten – aber bei allen nutze ich in irgendeiner Form das Internet. Jede einzelne dieser Tätigkeiten löst höchstwahrscheinlich irgend etwas in meinem Gehirn aus – aber dasselbe gilt auch für Spazieren gehen, Bier trinken, Auto fahren, Zeitung lesen, mit Freunden sprechen oder Papierflieger basteln. Generelle Studien über die Auswirkungen von übermäßigem Papierfliegerbasteln dürfte es jedoch kaum geben.

(Fast) jede Generalisierung über das Internet muss also falsch sein.

Hinter diesen gerne gemachten Generalisierungen steckt immer irgendeine Annahme darüber, was das Internet denn eigentlich ist. Im Kern ist es dabei einfach nur eine Menge von vernetzten Rechnern, die auf eine bestimmte Art und Weise miteinander kommunizieren. Das Internet ist einfach nur eine Kommunikations-Infrastruktur – nicht mehr und nicht weniger.

Wer nun behauptet, das Internet mache dumm, schlau, aggressiv, friedlich oder kreativ, der kann eigentlich nur bestimmte Arten der Nutzung damit meinen – und die reichen nunmal von ziemlich komplexen geistigen Tätigkeiten bis hin zu eher banalen Dingen. Diese alle über einen Kamm zu scheren kann nur zu falschen Schlussfolgerungen führen. Das Internet als homogenes, klar definierbares Element unserer Kultur existiert schlicht und einfach nicht.

Meine Vermutung ist, dass der Versuch, allgemein gültige Aussagen über das Internet zu treffen, nicht so sehr aus dem Wunsch wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn getrieben ist. Hier dürfte eher eine Mischung aus diffuser Zukunftsangst, Unverständnis gegenüber Teilen der Netzkultur und allgemeiner Verklärung der Vergangenheit am Werk sein. Dafür habe ich durchaus Verständnis – aber richtiger werden Behauptungen über „das Internet“ dadurch eben leider nicht.

Bild: hdzimmermann // CC-by-nc-sa

Category: Kulturelles,Nerdiges Tags: –

2 Comments »

  1. Die „Süddeutsche“ von diesem Wochenende nimmt Spitzers „Digitale Demenz“ in zwei Artikeln ziemlich gründlich auseinander. Der eine steht online: http://www.sueddeutsche.de/digital/bestseller-digitale-demenz-von-manfred-spitzer-krude-theorien-populistisch-montiert-1.1462115 Den zweiten gibt’s nur in der Printausgabe. In ihm werden die von Spitzer genannten Quellen untersucht. Beispiele für Spitzers Thesen:
    1. Computernutzung schadet der Schulleistung, laut einer Ifo-Studie. – Im Original steht dagegen, dass das nur gelte, wenn mit dem Computer nur gespielt werde. Jede andere Nutzung ergebe positive Effekte.
    2. Andere Studie: Computernutzung im frühen Kindergartenalter führt zu Aufmerksamkeitsstörungen. – Im Original geht es aber gar nicht um Computer, sondern um massive Fernsehnutzung bei Babys und Kindern in den USA.
    3. Weitere Studie: Computernutzung im späten Kindergartenalter führt zu Lesestörungen. – Im Original geht es wieder nicht um Computer, sondern um Fernsehen, und Bildungsprogramme kommen dabei sogar positiv weg.
    Dies sind nur drei Beispiele, im Artikel stehen noch mehr. Der SZ-Autor schreibt: „Dieser haarsträubende Zitierstil zieht sich durch alle Kapitel.“

    Comment by Gerhard Hachmann — 9. September 2012 @ 17:34

  2. Danke für die Ergänzung!

    Ich habe das Buch selber nicht gelesen, aber nach dem, was ich bisher so mitbekommen habe, scheint es da schon einige Unsauberkeiten in der Argumentation zu geben.

    Ich habe ähnliche Thesen aber schon gehört bevor dieses Buch herausgekommen ist. Ich mache mir ehrlich gesagt weniger Sorgen darum, was genau darin steht, sondern eher darüber, was davon bei den Leuten hinterher hängen bleibt. Ich befürchte nämlich, dass gar nicht so sehr das Für und Wider der einzelnen Studien im Kopf bleibt, sondern nur eine diffuse Technikangst.

    Comment by marius — 10. September 2012 @ 07:28

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