Permanentes Provisorium


27. April 2012

Keine Experimente?

Autor: marius – 21:50

Immer mal wieder höre ich die Redewendung „Keine Experimente!“, und das in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Da kann es um die Zubereitung von Lebensmitteln gehen, um Freizeitgestaltung, aber auch um Entscheidungen im Job oder um fast beliebige andere Themen.

Jedes Mal, wenn jemand so etwas wie „Da machen wir jetzt keine Experimente.“ sagt, dann könnte ich die Wände hoch gehen. Ich halte diesen Satz in den allermeisten Fällen für falsch, kontraproduktiv und unnötig einschränkend. Weil die Gründe dafür aber nicht in einem Satz erklärt sind und ich meine Aufregung nicht jedes Mal wieder runterschlucken möchte, versuche ich jetzt, das Ganze einmal zusammenzufassen.

Skeptisch macht mich schon die Herkunft dieses Spruchs. „Keine Experimente!“ ist nämlich nicht etwa einfach nur eine Redewendung, die dem Volksmund entstammt, sondern ein Slogan, der von einer Werbeagentur für den Wahlkampf der CDU 1957 erdacht wurde. Damals war das anscheinend ein ziemlich erfolgreicher Slogan und die CDU erreichte in der folgenden Wahl die absolute Mehrheit im Bundestag. Zu der Zeit war ich zwar noch nicht geboren, aber irgendwie hätte ich allein schon wegen der Herkunft ein schlechtes Gefühl bei dem Satz.

Für mich schwingt bei dem Satz auch immer eine negative Grundhaltung gegenüber dem Experiment an sich mit. Dabei ist ein Experiment an sich etwas recht harmloses und nützliches, nämlich eine methodisch angelegte Untersuchung zur Gewinnung von Informationen. Experimente bedeuten nicht, dass man ohne Ziel und Verstand einfach irgendwas ausprobiert, sondern dass man etwas erprobt, um hinterher schlauer zu sein. In der Wissenschaft sind Experimente daher eine sehr wichtige Methode, aber auch im Alltag können Experimente häufig sehr hilfreich sein.

Beispielsweise habe ich beim Kochen sehr viel durch Experimente gelernt. Natürlich schmeckt das Ergebnis nicht immer, aber mit zunehmender Erfahrung werden die Ergebnisse immer besser. Hätte ich denselben Lerneffekt auch durch das Nachkochen von Rezepten erreicht? Wahrscheinlich nicht, denn dann könnte ich zwar bestimmte Gerichte zubereiten, aber hätte keine Ahnung davon, warum bestimmte Kombinationen schmecken und andere nicht – was ziemlich unpraktisch ist, wenn z.B. mal eine Zutat gerade nicht vorhanden ist.

Beim Kochen kann man durchaus noch darüber streiten, ob man experimentieren sollte oder nicht. Ich finde es aber als geistige Grundhaltung sehr wichtig, für Experimente offen zu sein. Kaum jemand stellt noch in Frage, dass wir in einer Zeit leben, in der sich sehr viele Dinge verändern und alte Regeln in vielen Fällen nicht mehr gelten. Das zieht sich über viele relevante Lebensbereiche, von der beruflichen Entwicklung über private Geldanlage bis zu Entscheidungen über Wohnort, Familie oder Freunde.

In einer solch dynamischen Zeit ist es so ziemlich das Dümmste, was man tun kann, wenn man „keine Experimente“ macht. Wenn alte Regeln nicht mehr gelten, dann muss man neue finden, um sich zumindest halbwegs im Leben zurecht zu finden. Experimente können dabei helfen, wenn man sie richtig benutzt.

Für mich persönlich steht das Experiment im Alltag auch für eine positive, optimistische Haltung gegenüber der Zukunft. Ich weiss zwar nicht, was die Zeit so bringt, aber durch gezieltes Ausprobieren und immer wieder neues Hinterfragen von Gewohntem bleibe ich in Bewegung und habe damit gute Chancen, mit immer neuen Veränderungen gut zurecht zu kommen.

„Keine Experimente!“ steht für mich im Gegensatz dazu für eine eher in die Vergangenheit gerichtete Grundhaltung. Wer nicht experimentiert, der muss sich auf das verlassen, was andere für ihn herausgefunden haben. Das kann gut sein, muss aber nicht – und in jedem Fall macht man sich damit stark von anderen abhängig.

Ich habe es außerdem häufig erlebt, dass der Spruch „keine Experimente“ einfach nur genutzt wird, um eine laufende Diskussion zu kappen. Irgendwie scheint das für viele ein einleuchtendes Argument zu sein – obwohl es eigentlich keines ist. Hier greift vermutlich die allzu menschliche Eigenschaft, Vertrautes eher für wahr zu halten.

Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, diesen Satz in Zukunft etwas seltener zu hören. So gesehen ist dieser Artikel also auch ein Experiment – ich hoffe auf positive Ergebnisse.

2 Comments »

  1. Im Grunde gebe ich Dir recht, denn das „keine Experimente“ wird bestimmt zu oft angewandt, weil „neu“ dem Deutschen erst einmal suspekt erscheint. Wohl wahr.

    Dennoch ist es nicht so schwarz/weiss wie Du das da malst. Ich kann mir sehr viele Situationen vorstellen, in denen man keine Experimente machen sollte. Die von Dir erwähnte Geldanlage ist eine Sache davon. Ein „Experiment“ ist es meiner Definition nach dann, wenn man den Ausgang nicht wirklich berechnen kann. Klar, kann man im Grunde nie, die Fonds können immer abschmieren, aber doch gibt es halt sichere und unsicherere (Wortschöpfung, sorry) Anlagen. Kommt darauf an was man erreichen will. Will ich Geld aufs Spiel setzen um zu lernen ? Blauäugig mal was machen und schauen was rauskommt ? Wenn man ein Zocket ist vielleicht oder wenn man nur kleinere Teile seines Geldes so „experimentell“ anlegt, aber direkt in die Vollen gehen sollte man dann vllt. doch nicht.

    Anderes Beispiel: Gesundheit. Wenn man krank ist, also _richtig_ krank meine ich, greift man vllt. besser erstmal zu Bewährtem und Erprobtem. Wenn man das ausgeschöpft hat kann man dann immer noch alternative Methoden, neue Ansätze an sich ausprobieren lassen.

    Aber um das positiv abzuschließen: Im politischen Sinne ist der Spruch wirklich gruselig. Gerade in der heutigen Zeit, in der die etablierten Parteien altbackene Familienbilder malen oder nicht wirklich viel von neuen Medien z.B. verstehen, ist es schön zu sehen dass die Bevölkerung ein „Experiment“ mal zu wagen scheint. Ich meine damit die Damen und Herren in Orange und ich meine nicht Holländer 😉

    Comment by Lumenatic — 28. April 2012 @ 00:38

  2. Ich vermute mal, wir meinen dasselbe.
    Trotzdem finde ich, dass auch das Thema Geldanlage da durchaus dazu gehört.

    Mittlerweile wissen wir, dass auch große Firmen, Banken und sogar ganze Staaten pleite gehen können. Das ist zwar immer noch vergleichsweise selten, aber es kommt vor. Wenn du aber dein Geld irgendwo anlegst – und es ist völlig egal, ob das eine Versicherung ist, ein Sparkonto oder ein Aktienfonds – dann wird das Geld im Hintergrund irgendwo angelegt. Natürlich geht das in vielen Fällen gut, aber es ist eben nicht so bombensicher wie es zunächst aussehen mag. Wenn man andererseits etwas mit wenig Risiko haben möchte, dann schlägt ganz leicht Falle No. 2 zu: Die Inflation. Auch damit kann man Geld verlieren.

    Ich will das jetzt gar nicht zu weit ausführen, und ich bin auch kein Experte in diesen Fragen. Eine gewisse Risikostreuung erscheint mir aber auch hier äußerst sinnvoll. Unter absolut stabilen Bedingungen ist es dagegen besser, alles auf eine (optimale) Karte zu setzen. Das ist der grundsätzliche Unterschied in der Vorgehensweise.

    Außerdem bedeutet „experimentieren“ immer noch nicht, dass man einfach blind irgendwas ausprobiert. Man geht ja immer noch von einer Hypothese aus und arbeitet sich auf dieser Basis voran.

    Comment by marius — 28. April 2012 @ 19:41

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