Permanentes Provisorium


5. Februar 2012

Verteilte Freundschaft

Autor: marius – 21:49

Es ist erstaunlich, wie schnell man sich aus den Augen verliert. Das wurde mir kürzlich bewusst, als ich einen alten Freund nach längerer Zeit wieder einmal traf – und feststellen musste, dass bei ihm in letzter Zeit sehr viel passiert ist, das ich nicht einmal annähernd mitbekommen habe.

Mein Freundeskreis ist – wie bei vielen anderen auch – ziemlich verstreut. Um jemanden zu sehen, mit dem ich gerne mal einen Abend verbringe, muss ich mindestens 30 Minuten (einmal durch die halbe Stadt) bis maximal 14 Stunden (einmal um die halbe Welt) einplanen. Das ist einerseits schön, denn so hat man immer mal wieder einen Grund, eine Reise zu unternehmen und jemanden zu besuchen.

Andererseits ist es schade, wie wenig Zeit ich mit den Leuten verbringe, die ich wirklich mag. Das Paradoxe dabei: Eigentlich wäre es überhaupt kein Problem, auch über weite Entfernungen eine Freundschaft zu pflegen. Es gibt Telefon, SMS, E-Mail, Facebook, Twitter, Skype, ICQ undundund. An Kommunikationswegen mangelt es nicht – und doch fehlt etwas.

Organische Freundschaft wächst von ganz allein.

Als ein Großteil meiner Freunde noch wenige Fußminuten entfernt wohnte, da ging ich manchmal einfach so vorbei. Man kochte spontan zusammen, schaute sich einen Film an, trank, lachte, spielte, sprach über Pläne und Probleme, spann Ideen und verwarf sie wieder – oder setzte die ein oder andere Idee sogar mal in die Tat um.

Dabei wuchs die Freundschaft ganz selbstverständlich. Man musste sie nicht pflegen, suchen oder herstellen. Sie entstand einfach so, als Nebenprodukt dieser ganzen Gemeinsamkeiten.

Wenn ich mich heute mit einem Freund treffe, den ich lange nicht gesehen habe, dann wird hauptsächlich geredet. Man erzählt sich, wie es im Job so läuft, was man mit dem Partner plant oder wofür man gerne mal wieder mehr Zeit hätte. Das ist auch schön, aber es ist etwas ganz anderes. Es ist bewusste Freundschaftspflege.

Was dabei fehlt ist die Leichtigkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der sich eine Freundschaft entwickelt, wenn man einfach so Zeit miteinander verbringt. Wenn man erst einmal 2 Stunden unterwegs ist, um jemanden zu treffen, dann schaut man anschließend nicht einfach zusammen eine DVD auf dem Sofa. Das würde sich wie Zeitverschwendung anfühlen. Also wird geredet, denn man hat sich ja lange nicht mehr gesehen.

Virtuelles Zusammensitzen

Was wirklich fehlt wurde mir erst nach und nach klar. Das, was eine Freundschaft (zumindest für mich) ausmacht ist nicht nur das Reden, sondern das gemeinsame Erleben. Für die Kommunikation haben wir mittlerweile viele ganz tolle digitale Tools – für das gemeinsame Erleben aber noch nicht.

Dabei wäre das technisch gesehen durchaus machbar. Vor einer Weile erfuhr ich z.B. von dem Projekt Storyvisit. Das ist gedacht für Kinder, deren Eltern oder Großeltern weit entfernt leben und die darüber gemeinsam ein Buch lesen können. Der Sinn dahinter wurde mir so erklärt: Natürlich können auch entfernt lebende Verwandte mit den Kindern telefonieren. Kinder können aber erst ab einem bestimmten Alter ein „normales“ Gespräch am Telefon führen, also z.B. von sich aus etwas erzählen oder Fragen stellen. Deswegen hat man die Möglichkeit geschaffen, dass beide – Kind und Erwachsener – zusammen ein Buch lesen können und darüber ein gemeinsames Erlebnis haben.

Natürlich bin ich erwachsen. Ich kann nicht nur ein Telefon bedienen, sondern auch sinnvolle Dinge in den Hörer reden. Und natürlich gäbe es, wenn ich danach suche, ganz viele Dinge, die ich mit anderen zusammen auch über größere Entfernungen tun könnte. Solche Dinge sind nur leider häufig kompliziert, nerdig oder funktionieren nur auf bestimmten Computern.

Das nächste große Ding: Digitale Gesellschaftsspiele oder der Online-Verein.

Was fehlt wäre eine (oder mehrere) soziale Aktivitäten, die genau so einfach, zwanglos und unkompliziert sind wie ein Brettspiel oder mit ein paar Leuten zu kochen.

Genau an dieser Stelle versagen die aktuell hochgelobten Social Media-Tools nämlich noch fast völlig. Natürlich kann ich auf Facebook mit meinen Freunden virtuelles Gemüse anpflanzen – aber ich muss schon recht viel Zeit da hinein stecken, damit sich das lohnt. Davon abgesehen ist virtuelles Gemüse sicherlich nicht jedermanns Sache.

Theoretisch gäbe es viel, was man gemeinsam machen könnte ohne am selben Ort zu sein: Statt einem gemeinsamen Stadtbummel könnte man sich z.B. in einem Online-Shop ein Outfit zusammenstellen. Man könnte gemeinsam die Playlist für die nächste Party zusammenstellen. Und wer sich etwas mehr zutraut, der könnte ein Buch schreiben, Musik komponieren, Software programmieren und noch viel mehr – und ich bin mir sogar sicher, dass viele Leute das schon tun.

Worauf ich aber hinaus will: Es gibt noch keine einfache, unkomplizierte, unnerdige Möglichkeit, so etwas zu tun.

Es gibt auf der ganzen Welt Millionen von Leuten, die weit weg von den Leuten wohnen, die ihnen wichtig sind. Genau aus diesem Grund ist Telekommunikation ein Milliarden-Geschäft. Wenn es jemand schafft, nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Erleben über weitere Entfernungen zu vermitteln, dann wäre das nicht nur eine großartige Idee, die vielen Menschen helfen würde – sondern auch ein ganz großes Geschäft.

Vielleicht schrauben die ersten aber schon längst daran: Während ich über diesen Artikel nachdachte las ich über ein neues Kollaborations-Tool namens „Wunderkit„, das anscheinend Elemente aus Social Networks übernimmt. Genau dieser Aspekt wurde andernorts mit Verwunderung aufgenommen – ich könnte mir aber vorstellen, dass das genau die richtige Idee ist.

 Foto:  petr cervinka // CC-by-nc-nd

Category: Alltägliches,Nerdiges Tags: –

3 Comments »

  1. Über ähnliches habe ich mir auch schon öfter Gedanken gemacht. Allerdings glaube ich, dass der Hauptfaktor einfach die verfügbare Zeit ist. Früher hatte man massig davon und wie Du schon schreibst, war man von seinem Freundeskreis räumlich nicht sehr getrennt. D.h. während Schule (und bei mir auch Studium) hat man einfach mehr Zeit miteinander verbracht und so sind die Freundschaften gewachsen. Sie sind so gewachsen, dass sie jetzt auch noch längere Zeiten ohne Wiedersehen locker überstehen. Neuere Freundschaften haben nicht mehr die Möglichkeit so zu wachsen, aus den von Dir genannten Gründen. Es ist viel organisierter, seltener und so auch weniger selbstverständlich. 10 Jahre damals und 10 Jahre jetzt haben netto völlig unterschiedliche Anzahlen an „gemeinsamer“ Zeit. Das ist m.E. also der Hauptgrund.
    Nichtsdestotrotz knüpfe ich an Deinen Ansatz an, dass das Internet und soziale Netzwerke die Möglichkeit bieten (sollten), zwanglos Erlebnisse teilen zu können. Ich denke, dass wir hier noch einiges an Entwicklung sehen werden. Z.B. kann ich mir vorstellen, dass künftig durch die Internet-TVs das gemeinsame Schauen von Sendungen an unterschiedlichen Orten attraktiver werden könnte. Auch das Spielen von Gesellschaftsspielen über das Netz könnte sich bei leichter Zugänglichkeit verstärken und für gemeinsame Erlebnisse sorgen. Ein Beispiel wäre http://aceshangout.com/ – das ist ein Schritt weg vom anonymen Online-Pokern gegen Fremde, hin zum eigentlichen Home-Game mit Freunden, halt übers Netz. Auch über das Unterhalten und Austauschen über Bücher bin ich schon über was Interessantes gestolpert: http://readmill.com/
    Also Ansätze gibt es schon und ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Ersetzen wird das aber die „echte“ Zeit und Erlebnisse, die man mit jemandem verbringt, nicht können. Wenn die Möglichkeit nach „echter“ Zeit räumlich und zeitlich nicht drin ist, ist aber das virtuelle gemeinsame Erlebnis noch besser als gar keins.

    Comment by Indra — 5. Februar 2012 @ 23:19

  2. Das mit der fehlenden Zeit glaube ich ehrlich gesagt nur so halb. Solange der Durchschnittsdeutsche im Schnitt 3,5 Stunden pro Tag TV guckt wäre da theoretisch noch massig Platz. 🙂

    Vielleicht ist es auch ganz banal: Man sollte sich Freunde suchen, die räumlich in der eigenen Nähe wohnen.

    Die Tools, die du nennst, sind aber wirklich interessant! Danke für die Tipps!

    Comment by marius — 6. Februar 2012 @ 21:05

  3. Wahrscheinlich nehm ich das mit der Zeit immer als Entschuldigung. Wobei, früher hat man 3,5 Stunden TV geschaut und hatte dann noch extra Zeit 😉
    Heute hat man nen Arbeitstag von 8-10 Stunden. Dann noch mind. 1-2 Stunden für den Kleinen. Da wird man dann abends tatsächlich bequem. Wobei ich glaube, dass wir auf max. 2 Stunden TV kommen, weil wir dann einpennen 😛

    Freunde in der Nähe suchen ist ein Ansatz für neue Freunde. Um alte Freundschaften wieder zu „entspannen“ finde ich, dass Dein Ansatz mit gemeinsamen, digitalen Erlebnissen sehr gut ist.

    Comment by Indra — 7. Februar 2012 @ 10:57

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