Permanentes Provisorium


28. August 2011

Wo stehst du eigentlich?

Autor: marius – 22:36

Spiegelung in einer Pfütze

Früher – vielleicht etwa bis zum Ende meines Studiums – habe ich häufig mit Freunden lange Diskussionen über alle möglichen Dinge geführt. Es ging um die großen Fragen der Menschheit, um aktuelle Politik und um zwischenmenschliche Grundsatzfragen – und natürlich noch viel mehr.

Ich weiss nicht, warum es geschah, aber irgendwann hörte das einfach auf. Vielleicht fehlten die richtigen Leute dafür, oder es lag daran, dass alle mit ihren Jobs, Beziehungen und Zukunftsplänen einfach zu beschäftigt waren um noch über Grundsätzliches reden zu wollen.

Ich finde das zwar schade, aber das alleine könnte man vielleicht noch als mein persönliches Problem ablegen. Irgendwie beschleicht mich aber das Gefühl, dass auch die Leute, die es eigentlich tun sollten, zu wenig über Grundsatzfragen nachdenken und reden.

Was denken meine Freunde eigentlich?

Im Kleinen sehe ich dies bei meinen Freunden und Bekannten: Bei den meisten weiss ich z.B. nicht, welche Parteien sie bei den letzten Wahlen gewählt haben, wie sie zur EU stehen oder woran sie wirklich glauben.

Natürlich muss ich das streng genommen nicht wissen. Meine Freunde sind meine Freunde, weil ich sie gerne in meiner Nähe habe, mit ihnen bestimmte Hobbies teile oder weil ich weiss, dass sie mir helfen, wenn es nötig ist.

Aber wer außer einem Freund sollte mir denn vermitteln können, dass ich möglicherweise etwas Dummes für Richtig halte? Wer außer einem Freund kann mir helfen zu sehen, was wirklich wichtig ist? Und wie – außer in einer Diskussion mit einem Freund – kann ich eine grobe Ahnung in eine echte Überzeugung veredeln?

Meinungen kann man nicht outsourcen.

Wir leben aktuell in einer komplexen, sich schnell ändernden Welt. Vielleicht war die Welt schon immer so, aber dies scheint eines der wenigen Dinge zu sein, zu dem nicht nur viele eine Meinung, sondern auch die meisten die gleiche Meinung haben: Die Welt scheint sich in den letzten 10-20 Jahren schneller zu drehen als zuvor.

Aus jeder Ecke der Welt erreichen uns ständig neue Meldungen: Krawalle in England, Finanzkrise in Griechenland oder Datenschutzskandale direkt vor der Haustür. Jedes einzelne davon ist als Sachverhalt hochkomplex, und schon am nächsten Tag kann ein neues hochkomplexes, großes, wichtiges Problem um die Ecke kommen.

So schnell kann sich natürlich kaum einer eine Meinung bilden. Ich finde, das muss auch gar nicht sein. Ich muss nicht die Lösung für alle Weltprobleme schon bei der morgendlichen Nachrichtenlektüre parat haben.

Es gibt hier aber ein großes Missverständnis: Nämlich dass die „Experten“ sich schon darum kümmern werden.

Natürlich gibt es Experten für alles Mögliche, ganz sicher auch für Datenschutzskandale oder staatliche Finanzkrisen. Experten können aber bestenfalls den Weg von einem definierten Ausgangspunkt zu einem definierten Zielpunkt beschreiben. Die Definition des Zieles können sie einem aber nicht abnehmen.

Man kann das vielleicht so erklären: Wenn ich zu einem Schreiner gehe und eine Sitzbank in Auftrag gebe, dann ist es die Aufgabe des Schreiners (in dem Fall der Experte) diese Bank zu bauen. Wenn ich aber eigentlich einen Tisch gebraucht hätte, dann geht seine Expertise am Ziel vorbei. Er kann es mir nicht abnehmen, mir darüber Gedanken zu machen, was ich eigentlich brauche.

Genau hier muss man eine Trennlinie ziehen: Das wie kann mir ein Experte abnehmen – das was nicht.

Was ist eigentlich wichtig?

Genau um dieses „was“ wird für mich viel zu wenig geredet. Was wollen wir eigentlich? Was will ich eigentlich? Die Aktion Mensch hat hierzu einmal in einer großen Kampagne die Frage gestellt: „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“

Das ist eine sehr, sehr gute Frage. Und eine schwierige dazu.

Genau deswegen wünsche ich mir wieder mehr Grundsatzdiskussionen – im Kleinen wie im Großen. Wenn es wirklich so ist, dass wir in ungewöhnlich schnellen Zeiten leben, dann müssen wir uns umso mehr Zeit dafür nehmen, die richtige Richtung zu finden.

Ich wünsche mir wieder mehr Streitgespräche in meinem direkten Umfeld. Ich möchte mehr über Standpunkte, über Grundsätzliches und auch über Aktuelles reden. Natürlich rede ich auch gerne mal über Banales oder Alltägliches, aber das alleine ist mir zu wenig.

Ich wünsche mir außerdem Politiker, Wirtschaftsführer, Experten und Denker, die mir erklären, warum sie Entscheidungen so oder so treffen. Ich mache Veränderungen gerne mit, wenn ich sie verstehe – und ich glaube, vielen geht es genau so.

Natürlich muss man nicht alles bis ins Letzte ausdiskutieren. Pragmatismus ist an manchen Stellen durchaus gut – aber viel zu häufig auch nur ein anderes Wort für „Durchwurschteln“.

Bildquelle: www.pfirsichfarben.de (mit freundlicher Genehmigung)

Category: Politisches Tags: –

Keine Kommentare »

No comments yet.

RSS feed for comments on this post. | TrackBack URI

Leave a comment

XHTML (folgende Tags sind erlaubt): <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> . Kommentar-Vorschau ist aktiviert (Javascript wird benötigt).