Permanentes Provisorium


21. Juli 2011

Google+ und die drei Elefanten

Autor: marius – 21:21

In den letzten Wochen habe ich viele Gespräche über Google+ geführt. Kein Problem, ich rede ja gerne über Online-Trends, Gadgets und alles Neue aus Digitalien.

Ich muss allerdings sagen, dass mich das große Interesse an Google+ irgendwie verwundert. Dazu muss ich sagen, dass ich einiges daran durchaus gut finde.

Ja, ich habe ein Profil. Ja, ich schaue regelmäßig rein, und ja, ich teile dort auch einiges. Auch muss ich den positiven Kritiken größtenteils Recht geben: Google+ hat ein schön aufgeräumtes User Interface, macht mit den Circles gezieltes Teilen möglich und wirkt insgesamt gut durchdacht.

Es gibt aber einige Punkte, die immer noch fehlen – nicht nur bei Google+, sondern eigentlich bei so ziemlich allen Social Networks. Dabei rede ich nicht von irgendwelchen Features, sondern von grundlegenden Themen, denen das Wachstum von Social Networks noch eine ganze Weile Grenzen setzen wird.

Im Englischen gibt es die Redewendung vom „Elephant in the room„. Sie bezeichnet ein wichtiges Thema, das in einer Diskussion nicht angesprochen wird. Was Google+ und Social Networks angeht sehe ich mindestens drei Elefanten im Raum. Erst wenn diese Elefanten erkannt und angegangen werden kann der Erfolg so richtig kommen.

Elefant Nr. 1: Die Mehrheit ist noch nicht aktiv.

Recherchiert man einmal Nutzerzahlen zu Social Networks in Deutschland, dann findet man da aktuell ziemlich beeindruckende Werte. So sind angeblich 25% der Deutschen bei Facebook registriert – aber damit im Umkehrschluss eben auch auch 75% nicht.

Die Gründe sind dabei sicher höchst unterschiedlich. Rein subjektiv würde ich hier vermuten, dass Datenschutz-Ängste und mangelndes Interesse die Hauptgründe sein dürften.

Wenn man nun davon ausgeht, dass sich Google+ von der Zielgruppe hauptsächlich an dieselbe Zielgruppe wie Facebook und Twitter richtet, dann ist dies eben nur eine begrenzte Menge an Leuten – und die muss man erst einmal zum Wechseln bewegen. Eine Plattform, auf der man schon sein soziales Netz an Leuten hat, ist eben mehr wert als eines, das noch weitgehend leer ist. Das kann man sich z.B. mit dem Metcalfeschen Gesetz erklären, aber es dürfte auch so klar sein.

Das richtig große Potential liegt also bei den Leuten, die noch nicht aktiv sind und nicht so sehr bei denen, die eh schon ganz selbstverständlich Social Networks nutzen.

Elefant Nr. 2: Im Job wird nicht geteilt.

Viele Berufstätige sind zwar in ihrem Job gut vernetzt, bilden dieses Netzwerk aber bisher noch kaum online ab.

Zwar hat XING in Deutschland recht regen Zulauf, und der Nachrichtenstrom ist nach dem letzten Redesign auch stärker betont – aber sonderlich viel passiert dort immer noch nicht.

Ich habe den Eindruck, dass hauptsächlich die Leute XING aktiv nutzen, die von Berufs wegen kommunizieren müssen: Freiberufler auf Kundensuche, Vertriebler, Rekrutierer und Kommunikatoren liest man häufig – den ganz normalen Innendienst-Mitarbeiter dagegen kaum.

Das liegt nicht zwingend daran, dass dieser nichts zu sagen hat. Oft darf er es vermutlich schlicht nicht oder er hat Angst, der Konkurrenz versehentlich interne Informationen zu geben.

In jedem Fall werden Social Networks für berufliche Themen erst so richtig abheben, wenn man es schafft, hier auch die ganz normalen Angestellten einzubinden. Sonst bleibt ein sehr großer Bereich des Alltagslebens komplett außen vor – und damit auch ein großes Potential für die Social Networks.

Elefant Nr. 3: Social Networks bevorzugen Extravertierte.

Wer möglichst vielen Leuten möglichst viel mitteilen will, für den sind Social Networks toll. Nirgendwo sonst erreicht man mit so wenig Aufwand so viele Leute und bekommt so schnell Feedback („Gefällt mir!“).

Wer so etwas mag, der wird in der Regel extravertiert sein. Aber was ist mit den introvertierten?

Vermutlich wird man sie in den Social Networks hauptsächlich als stille Beobachter finden – was aber nicht heiß, dass sie gar keine sozialen Beziehungen haben, die sie online abbilden wollen würden.

Vermutlich ist vielen Introvertierten die plumpe Selbstdarstellung der anderen aber auch zuwider. Hier braucht es vermutlich eher Separees als noch größere Netzwerke – und auch die Möglichkeit, die Selbstdarsteller einmal auszusperren.

 Bild: Spin spin // CC-by-nd

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1 Kommentar »

  1. Der vierte Elefant ist das Problem der Diversifizierung, zumindest für die großen Netzwerke. Mich nervt es jetzt schon, dass ca 60% meiner jüngeren Verwandt- und Bekanntschaft bei FB sind, ca 40% aber nicht. Das dürfte etwa Durchschnitt sein. Von meinen älteren Kompagnons ist fast niemand da. Sollte G+ von diesem Kuchen die Hälfte abgraben, wäre seine (und FBs) Reichweite selbst bei einer deutlichen weiteren allgemeinen Zunahme trotzdem kleiner als die von FB jetzt. Ich habe keine Lust darauf, in mehreren Netzwerken aktiv zu sein. Das geht anderen sicher genauso. In anderen Vernetzungen ist das anders. Ich telefoniere aus dem Telekom-Netz problemlos mit Base. Ich schreibe Mails von GMX problemlos an G-Mail. Mein Traum: Ich melde mich bei einem großen Netzwerk an (von dem dann die auf mich zugeschnittene Werbung geliefert wird), aber meine Nachrichten kommen auch bei Freunden in anderen Netzwerken an und umgekehrt.
    Zweitens stört mich immer mehr die Bezeichnung solcher Netzwerke als „soziale“. Nicht weil ich sie asozial fände oder ihnen besondere Gefahren unterstelle. Sondern weil sie zunächst in der Überbezeichnung, im Gegensatz zu analogen Netzwerken, generell als digitale Netzwerke bezeichnet werden sollten. Die richtige Benennung für große Netzwerke wie FB und G+ ist m.E. dann eher „kommerzielle Netzwerke“, denn nur dazu sind sie da. Sowenig wie Aldi ein Sozialmarkt ist, nur weil der ein preiswerteres Segment bedient als Feinkost Käfer. Daneben gibt es dann die echten sozialen Netzwerke (im allgemeinen Spartennetzwerke), also solche, bei denen der verbindende Aspekt der Hauptaspekt ist. Denn der einzig und alleinige Grund für ihre Existenz ist bei FB wie bei G+ eben nicht der verbindende Aspekt, sondern (wie bei Aldi) die Gewinnsteigerung. Deshalb kommerzielle Netzwerke.

    Comment by Haferklee — 25. Juli 2011 @ 22:10

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