Permanentes Provisorium


5. Juli 2011

Bier trinken im öffentlichen Raum

Autor: marius – 23:13


Transparent am Brüsseler Platz

Es ist Sommer, es ist warm, und viele Leute gehen bei warmem Wetter gerne raus, treffen sich mit anderen Leuten und trinken dabei ein paar Bier. Das ist mit Sicherheit keine Neuigkeit – sorgt aber immer wieder für Ärger.

In den letzten Wochen hörte man immer wieder von sog. „Facebook-Parties“, die hin und wieder außer Kontrolle geraten. Deswegen wird viel diskutiert über junge Leute und ihr Partyverhalten, die Verrohung der Sitten und die ersten Politiker denken auch schon laut über ein Verbot von Facebook-Parties nach.

Auf den ersten Blick mag das alles verständlich sein: Wo sich viele Leute treffen, Bier trinken und miteinander Spass haben, da gibt es normalerweise auch Krach, Dreck, Schäden und manchmal sogar Verletzte. Diese Konsequenzen muss irgend jemand beheben, was wiederrum Geld kostet. Dieses Geld muss jemand bezahlen, also richtet man sich bei Facebook-Parties an den vermeintlichen Veranstalter.

Dass dies nicht immer so einfach ist sieht man an einem aktuellen Streifall in Köln: Gerade im Sommer trifft man sich hier gerne auf dem Brüsseler Platz, einem gut gelegenen Platz am Rande eines Kölner Szeneviertels. Hier kommen häufig einige hundert Leute zusammen, bringen sich ihr Bier vom Kiosk mit und machen sich einen schönen Abend.

Die Nebenwirkungen sind dabei nahezu die gleichen wie bei den berüchtigten Facebook-Parties: Krach, Dreck, Schäden an Blumenbeeten, Wildpinkler und all das, was einem als aktiv beteiligter tendenziell egal ist, als Anwohner oder Außenstehender aber doch sauer aufstößt.

Damit kann man also schon mal festhalten: Größere spontane Menschenansammlungen, die Lärm und Dreck machen, gab und gibt es völlig unabhängig von Facebook. Dafür braucht es noch nicht einmal einen Veranstalter. Außerdem mag so etwas zwar für manche unangenehm sein – illegal ist so ein Treffen im öffentlichen Raum aber erst einmal nicht.

Bei Facebook-Parties liegt der Fall eigentlich nur deswegen ein bißchen anders, weil es bei Facebook zumindest scheinbar immer einen Veranstalter gibt. Wobei, wenn man es ganz genau nimmt, dann lässt sich bei  einer Facebook-Veranstaltung immer nur der Ersteller der Event-Seite erkennen. Das muss nicht zwingend der Veranstalter sein.

Wenn ich also bei Facebook ein Event anlege und zu diesem Event kommen dann 1.000 Leute, bin ich dann automatisch ein Veranstalter? Kann man mich damit zur Rechenschaft ziehen, wenn dabei etwas aus dem Ruder läuft?

Das mag man zuerst für eine Spitzfindigkeit halten, aber es lohnt sich, den Punkt näher zu betrachten: So sah es heute einmal kurzzeitig danach aus, als ob die CDU auf einigen Lokal-Events eine Menge ungebetenen Besuch bekommen könnte – weil ihre Events eben auch bei Facebook eingetragen sind und die jeweiligen Ortsvereine hier natürlich die Veranstalter sind. Einige clevere Facebook-Nutzer haben dann versucht, mit Massen-Einladungen diese Events zu „Facebook-Parties“ zu machen. Die Reaktion der CDU war wohl die Löschung der entsprechenden Event-Seiten.

Daran sieht man sehr schön, warum eine Facebook-Party eigentlich keine Veranstaltung ist, sondern auch nur Bier trinken im öffentlichen Raum – also etwas, was Leute schon lange vor Facebook gemacht haben und wohl auch noch lange tun werden. Ein bloßes Weiterleiten einer Veranstaltung kann wohl schwerlich als „selber veranstalten“ gewertet werden – und wen würde man dann zur Verantwortung ziehen wollen, wenn etwas schief geht?

Sowohl hinter dem ungeplanten Treffen auf dem Brüsseler Platz in Köln als auch hinter Facebook-Parties stecken doch eigentlich uralte Grundbedürfnisse: Sich mit anderen Menschen treffen, Spass haben, feiern usw.. Von daher ist die Aufregung, die gerade darum gemacht wird, sicherlich übertrieben.

Die Grundsatzfrage, was man aber mit all dem Dreck, mit dem Krach und den Schäden macht, muss man natürlich trotzdem klären. In Köln versucht man derzeit, in einem Park am Aachener Weiher eine Alternative zum Brüsseler Platz aufzubauen, wo weniger Anwohner gestört werden. Außerdem gibt es jetzt öffentliche Pissoirs und das Ordnungsamt schaut auch öfter mal vorbei.

Hinter diesen ganzen ungeplanten Treffen wittere ich ein deutliches Bedürfnis nach attraktiven öffentlichen Plätzen, die nicht nur zum Durchlaufen und Taubenfüttern gedacht sind, sondern ganz selbstverständlich ein sozialer Treffpunkt sind. Natürlich gibt es Kneipen, Cafés und Clubs, aber das sind eben alles keine öffentlichen Räume. Ich glaube, darüber lohnt es sich nachzudenken.

Vielleicht muss man auch mal ein paar mehr Leuten die Möglichkeiten und Gefahren von Facebook im Detail erklären, damit sie damit keinen Unsinn anstiften.Vielleicht kann sich auch der ein oder andere „echte“ Event-Veranstalter hier einiges abgucken, wie man Events erfolgreich promotet.

Ziemlich sicher sind aber einschränkende Gesetze, hysterische Diskussionen und massive Strafandrohungen der falsche Weg. Ich hoffe, dass das Ganze einfach nur das diesjährige Sommerloch füllt und sich so manches Gemüt bei einem kühlen Bierchen unter freiem Himmel auch wieder abkühlt. Ich habe gehört, so ein kühles Bier mögen auch konservative Politiker ganz gerne.

Foto: Igorschwarzmann // CC-by-nc-sa

1 Kommentar »

  1. Danke für diesen Artikel. Ich habe tatsächlich auch darüber nachgedacht, darüber zu schreiben, weil mich das Thema so genervt hat. Du hast es sehr gut aufbereitet und ein gutes Nicht-Facebook-Beispiel gefunden. Ich finde an der ganzen Diskussion und vor allem an der medialen Panikmache unserer Freunde von der Bild so unerträglich, dass es auf so simple Formeln wie „Facebook -> Zerstörung -> verbieten“ runter gebrochen wird. Ohne zu hinterfragen, wie belanglos es ist, dass Facebook zur Kommunikation genutzt wird. Randale gibt es bei anderen Veranstaltungen auch, die nicht per FB einladen.
    Immerhin gibt es jetzt schon „Gegenströmungen“ in der Politik, die das relativieren.

    Comment by Indra — 6. Juli 2011 @ 13:17

RSS feed for comments on this post. | TrackBack URI

Leave a comment

XHTML (folgende Tags sind erlaubt): <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> . Kommentar-Vorschau ist aktiviert (Javascript wird benötigt).